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Merken   Drucken   15.03.2011, 11:10 Schriftgröße: AAA

Nach dem Erdbeben: Was Japans Katastrophe für die Weltwirtschaft bedeutet

Nippon befindet sich im Ausnahmezustand - auch ökonomisch. In Produktion und an den Finanzmärkten wirkt sich das verheerende Unglück schon stark aus. FTD.de zeigt, welche Bereiche es am stärksten getroffen hat und was das für die Zukunft Japans und anderer Staaten heißt. von Georgia Hädicke, Kai Makus, Andreas Albert  und Björn Maatz 
Die verheerende Erdbebenkatastrophe in Japan wirkt sich geradezu dramatisch auf die Wirtschaft aus: Viele Firmen kämpfen mit den Nachwehen des Tsunami, die Infrastruktur ist vor allem in den Küstenbereichen zerstört und behindert Zu- sowie Auslieferungen. Hinzu kommen die knappe Energieversorgung und die Bedrohung durch einen atomaren Super-Gau. Die Tokioter Börse hat inzwischen den Arbitrage-Handel begrenzt.
FTD.de zeigt, welche Bereiche der Wirtschaft von der Katastrophe besonders betroffen sind und wie Kapitalmärkte auf das Unglück reagieren.
Brennende Industrieanlagen in Japan   Brennende Industrieanlagen in Japan
Das Land, das zu den acht stärksten Industrienationen der Welt gehört (G-8) hat etliche konjunkturschwache Jahre samt Deflation hinter sich. China löste Japan 2010 als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ab. In jüngerer Zeit hatte sich Nippon aus dem tiefen Tal herausgearbeitet. Die Naturkatastrophe wirft das Land wieder zurück. Allerdings wird der Wiederaufbau die Wirtschaft beleben.
Branchen wie Auto- und Maschinenbau sowie Elektronik sind überall da unmittelbar betroffen, wo Produktionsanlagen zerstört sind, die Energieversorgung zusammengebrochen ist oder wo wegen Produktionsstopps bei Zulieferern wichtige Teile ausbleiben. Unzählige Unternehmen - darunter auch Ölraffinerien und Stahlherstellern - haben Schäden gemeldet und zum Teil die Produktion eingestellt.
Die größte ökonomische Sorge galt dem Finanzsystem. Die Finanzspritze der Zentralbank bremste den Anstieg des Yen an den Devisenmärkten zunächst. Während sich Montag die Kursverluste in Grenzen hielten, brach die Tokioter Börse am Dienstag allerdings regelrecht ein.
Die am stärksten von Beben und Tsunami betroffene Region im Norden des Landes trägt nach Expertenauskunft lediglich 2,5 Prozent zum japanischen Bruttoinlandsprodukt bei. Die Region um Tokio, die im Vergleich zum Norden relativ verschont bliebt, liefert etwa 18 Prozent. Die Großbank Credit Suisse bezifferte die Katastrophenschäden am Montag auf umgerechnet bis zu 130 Mrd. Euro.
Kursinformationen und Charts
  Nikkei 225 8657,08  [63.93 +0,74%
  Topix 727,03  [5.92 +0,82%
Analysten der japanischen Bank Nomura beziffern die Zeit auf sechs Monate, die das Land benötigen wird, bis es den Rückstand aufholen und seine Erholung fortsetzen kann. Damit würden die Folgen der Naturkatastrophe größer und auch länger ausfallen als die des Erdbebens von Kobe im Jahr 1995. Als Grund nennen die Experten die großen Zerstörungen an Industriebetrieben und Infrastruktur im Nordosten der Hauptinsel Honschu. Die Folgen einer möglichen Kernschmelze in einem oder mehreren Atomreaktoren haben sie in ihrer Studie offenbar nicht mit eingerechnet. Ähnlich wie bei dem Beben von Kobe würden auch diesmal Häfen außerhalb der Katastrophenregion und eine höhere Produktion in anderen Gebieten helfen, Verluste wettzumachen. Nur sei diesmal eine weitaus größere Region als damals betroffen - und die Schäden seien auch wesentlich stärker.
Am Dienstag machten sich allerdings neue Hiobsbotschaften an der Tokioter Börse bemerkbar. Der Leitindex Nikkei  verlor zwischenzeitlich 15 Prozent, machte einen Teil der Verluste aber wieder wett und schloss elf Prozent im Minus. Der breit gefasste Topix -Index büßte am Dienstag zeitweise zwölf Prozent ein und schloss mit einem Verlust von 7,6 Prozent.
Die japanische Zentralbank pumpte weitere 5.000 Mrd. Yen (44 Mrd. Euro) in die Geldmärkte. Die Bank hatte die Märkte bereits am Montag mit der Rekordsumme von 15.000 Mrd. Yen (132 Mrd. Euro) versorgt.
Eine zerstörte Industrieanlage in Norden Japans   Eine zerstörte Industrieanlage in Norden Japans
Volkswirte sind sich einig, dass die Weltwirtschaft die Erdbebenkatastrophe verkraftet. Ein Dominoeffekt wie nach der Lehman-Pleite, in deren Folge das weltweite Finanzystem in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist nicht in Sicht. Die Exportnation Japan wird auch vom Boom in den Schwellenländern profitieren.
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) schätzt die Auswirkungen als moderat ein. Der demnächst beginnende Wiederaufbau werde einen gewaltigen Investitionsschub auslösen und die Konjunktur wieder ankurbeln, teilte das arbeitgebernahe Institut in Köln mit.
Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) befürchtet keine ernsten Folgen für die Weltwirtschaft. "Ich sehe keine Gefahr, dass die Weltwirtschaft erneut in eine Rezession abgleitet", sagte DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann der Nachrichtenagentur Reuters.
Nach Überzeugung von Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel ist die Weltwirtschaft robust genug, die ökonomischen Folgen zu schultern. Selbst wenn der schlimmste Fall eintreten sollte und der Großraum Tokio infolge einer Kernschmelze in Atomkraftwerken evakuiert werden müsste, halte er eine neue weltweite Krise für ausgeschlossen, sagte Bargel: "Das würde nicht zu einem weltweiten Abschwung führen oder gar zu einer globalen Rezession."
Japan sei stark mit asiatischen Volkswirtschaften verflochten. Das werde sich kurzfristig negativ auswirken, weil das Land als Importeur und Lieferant von Vorleistungsgütern für die Produktion ausfallen werde. "Ab der zweiten Jahreshälfte neutralisiert sich das aber wieder, weil Japan sehr stark auf Importe angewiesen sein wird, etwa auf Stahlprodukte aus China." Die Verflechtungen mit Deutschland oder den USA seien dagegen nicht groß. 54 Prozent der japanischen Ausfuhren fließen den Angaben zufolge inzwischen in den asiatischen Raum. Von dort kommen 45 Prozent der Importe. Allein nach China gehen 19 Prozent der Exporte, von dort kommen 22 Prozent der Einfuhren.
Das Kieler Institut für Weltwirtschaft sieht globale Risiken höchstens, falls sich mehrere Länder von der Atomenergie verabschieden sollten. "Dann würden die Ölpreise steigen und es gebe am Energiemarkt einen Umbruch. Das hätte dann eine größere Bedeutung für die Weltwirtschaft", sagte IfW-Präsident Dennis Snower in einem Reuters-Interview.
Von einem Tsunami weggespülte Standard-Container in der ...   Von einem Tsunami weggespülte Standard-Container in der japanischen Stadt Sendai
Die Auswirkungen auf Deutschland werden gering und beherrschbar bleiben - auch weil die Weltkonjunktur verschont bleiben dürfte. Außerdem ist die Bedeutung Japans für die deutsche Wirtschaft zu gering. Das Ausmaß der Im- und Exporte ist relativ niedrig. Allerdings könnte es jene Unternehmen für einige Zeit hart treffen, die in Nippon stark engagiert sind.
In der Liste der wichtigsten deutschen Außenhandelspartner liegt Japan auf Rang 14. Das geht aus einer Aufstellung des Statistischen Bundesamtes hervor. 2010 tauschte die Bundesrepublik mit Nippon Güter im Wert von 35,18 Mrd. Euro aus: Als Abnehmer deutscher Waren rangiert Japan mit rund 13 Mrd. Euro (1,9 Prozent aller deutschen Warenausfuhren) nur auf Platz 18 - und bei den Einfuhren auf Platz 14, mit 22,1 Mrd. Euro (2,7 Prozent aller Warenimporte).
Innerhalb der EU ist Deutschland für Japan der wichtigste Handelspartner. Besonders bedeutend in der Handelsbeziehung ist der Import von Maschinen. 2009 machten diese rund 62 Prozent aller aus Japan eingefahrenen Güter nach Deutschland aus.
Als deutsche Unternehmen in Japan sind vor allem Daimler  und Metro  betroffen. Bei dem Autohersteller und dessen Lkw-Tochter Fuso kam es zu Gebäudeschäden.
In Deutschland hat die Katastrophe in Japan eine neue Debatte um den Atomausstieg entfacht. Die Ankündigung der Regierung, die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke auszusetzen, bringt besonders die Energieversorger Eon  und RWE  in Bedrängnis. Die Aktienkurse der Unternehmen brachen am Montag ein und notierten auch am Dienstag zeitweise mehr als sieben Prozent im Minus.
Eine komplette Lieferung fabrikfrischer Nissan-Modelle wurde bei ...   Eine komplette Lieferung fabrikfrischer Nissan-Modelle wurde bei dem Erdbeben zerstört
Die japanischen Autohersteller sind besonders stark betroffen. Allein der weltgrößte Autokonzern Toyota  hat drei Werke in den stark geschädigten Gebieten im Norden des Landes. Dort soll die Produktion nach Angaben japanischer Medien bis Mittwoch stillstehen. Die Unterbrechung bedeutet laut dem Nachrichtendienst Kyodo News einen Ausfall von 40.000 produzierten Wagen.
Auch bei den Konkurrenten Renault-Nissan, Suzuki  und Honda  stehen die Bänder still. Honda ist zwar unmittelbar am wenigsten von der Katastrophe betroffen, da die Produktion im Süden des Landes angesiedelt ist. Trotzdem ist dort die Herstellung nach ersten Angaben sogar bis zum kommenden Sonntag lahmgelegt. Grund dafür sind Probleme bei der Zulieferung von Autoteilen infolge der zerstörten Infrastruktur.
2010 wurden auf dem nach China und den USA drittgrößten Pkw-Markt der Welt 4,2 Millionen Autos neu auf die Straße gebracht. Eine Prognose für das laufende Jahr wagt niemand. Es ist nicht absehbar, wann die Produktionsbänder wieder angefahren werden können und die Branche zu alter Stärke zurückkehrt. Der Wiederaufbau zerstörter Anlagen und Verkehrswege wird Monate dauern.
Panasonic Geschäft in Tokio   Panasonic Geschäft in Tokio
Japan fällt in der IT-Industrie eine Schlüsselrolle zu - mit Sony  und Panasonic  stammen die weltgrößten Hersteller von Unterhaltungselektronik sowie mit Canon der Weltmarktführer bei Digitalkameras aus dem Land. Sony hat derzeit die Produktion in acht Fertigungsstätten unterbrochen, um diese auf Schäden zu überprüfen. Canon  hat die Arbeit ebenfalls an acht Standorten gestoppt, Toshiba  lässt die Fertigung in zwei Fabriken ruhen. Weitere zwei Produktionsstätten hat das Unternehmen vorübergehend ganz geschlossen. Auch Panasonic hat die Produktion in einigen Werken ausgesetzt.
Das Chaos im Land könnte auch Folgen für den weltweiten Absatz von Tablet-Rechnern und Smartphones haben. Rund 40 Prozent der sogenannten Nand-Flashspeicher, die für die mobilen Endgeräte eine immer wichtigere Rolle spielen, stammen aus Japan. Laut den Analysten der US-Marktforschungsfirma IHS iSuppli wird sich der weltweite Absatz von Nand-Flashspeichern für Tablets in diesem Jahr auf 2,3 Milliarden Gigabytes fast vervierfachen. Der nach Samsung  zweitgrößte Lieferant weltweit ist Toshiba.
Nachdem die Werke der japanischen Halbleiterhersteller abgeschaltet wurden, werden sich ihre Abnehmer wegen drohender Lieferengpässe vorerst verstärkt in Korea, Taiwan, Europa und den USA umsehen müssen. Im Export drohen die Japaner dadurch ins Hintertreffen zu geraten: Chipfabriken benötigen in der Regel eine ununterbrochene Stromversorgung, die durch die geplanten Abschaltungen im japanischen Elektrizitätsnetz gefährdet ist. Nach einem Stromausfall kann es mehrere Wochen dauern, bis eine Chipfabrik wieder ordnungsgemäß läuft.
Bereits geringe Ausfälle treiben die Chippreise nach oben. Die Spot-Preise für Nand-Flashspeicher verteuerten sich am Montag um 20 Prozent. Am Dienstag legten sie weitere drei Prozent zu. Mehr als ein Fünftel des weltweiten Halbleiterumsatzes stammt von japanischen Firmen. Zu den größten zählen Renesas und Elpida . Renesas hat am Dienstag sieben Werke geschlossen. Der Chiphersteller Texas Instruments  teilte mit, seine beiden Fabriken in Japan würden erst im Juli wieder ihre volle Leistungsfähigkeit erreichen.
Das größte Risiko liegt den Analysten zufolge in der Unterbrechung der Lieferketten. Auch wenn die Lieferungen von Bauteilen für die Chipproduktion bereits in zwei Wochen wieder begännen, würden sich die Engpässe und Preiserhöhungen bis ins dritte Quartal auswirken, teilte die US-Marktforschungsfirma IHS iSuppli mit. Der Aktienkurs des taiwanischen Smartphoneherstellers HTC gab am Dienstag knapp sechs Prozent nach Medienberichten über Lieferengpässe nach.
Ein Tsunami überschwemmt den Flughafen von Sendai   Ein Tsunami überschwemmt den Flughafen von Sendai
Die Schäden an der Infrastruktur wirken sich schädlich für die japanische Wirtschaft aus. Denn selbst die Produktionsbetriebe, deren Anlagen durch das Erdbeben nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden, haben mit stockenden Zulieferungen zu kämpfen. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums sind nach wie vor die meisten Autobahnen zwischen Tokio und der dem betroffenen Gebiet blockiert. Selbst die bereits geöffneten Transportwege sind vorläufig nur für die Rettungsorganisationen frei gegeben.
Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete über schwere Schäden an sechs Häfen, die diese für Monate und teilweise Jahre außer Betrieb setzen könnten. Darüber hinaus wurden zahlreiche Containerschiffe bei dem Tsunami zerstört. Allerdin die Schließung der Häfen wird die japanische Volkswirtschaft voraussichtlich 3,4 Mrd. Dollar täglich kosten. Das meldete Reuters unter Berufung auf Daten des Schifffahrtsmagazins Lloyd's List Intelligence.
Wegen der Schäden in vier Kraftwerken hat der Energieversorger Tokio Electric die Rationierung des Stroms für acht Bezirke in und um die Hauptstadt angekündigt. Dort soll es nach Informationen von Kyodo News zu regelmäßigen Stromausfällen kommen, die zwischen drei und sechs Stunden dauern können.
Ein Bankmitarbeiter zählt in Tokio Banknoten   Ein Bankmitarbeiter zählt in Tokio Banknoten
Die Landeswährung JPY/USD  steht nach Einschätzung von Analysten vor einer deutlichen Aufwertung, falls die Notenbank nicht schon vorsorglich massiv eingreift. Grund sind Auslandsgelder, die im Zuge des Wiederaufbaus ins Heimatland zurückgeholt würden, schrieben die Analysten der französischen Société Générale. Am Montag verhinderte die Ankündigung der Notenbank BoJ, den Geschäftsbanken insgesamt 40.000 Mrd. an Liquidität zur Verfügung zu stellen, vorerst einen Anstieg. Am Dienstag notierte die Devise bei 81 Yen je Dollar.
Die Experten der Bank erwarten mittelfristig einen Anstieg auf bis zu 75 Yen je Dollar. Spätestens dann sei mit der Intervention der BoJ am Devisenmarkt zu rechnen, damit sich die Lage für die exportorientierte japanische Wirtschaft nicht verschlimmere.
Die gesellschaftlichen Kosten der Katastrophen werden sich nach Einschätzung von Fachleuten auf bis zu zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt summieren. Das hat potenziell gefährliche Folgen für Staatsanleihen des Landes, das sich mit 200 Prozent des BIP verschuldet hat, um den Auswirkungen des jahrelangen Preisverfalls und der Wirtschaftskrise entgegenzuwirken. Die Analysten der französischen Bank gehen angesichts der Katastrophe für das laufende Haushaltsjahr von einem Etatdefizit von acht Prozent aus.
Die Folgen einer eventuellen Kernschmelze in den Katastrophenreaktoren sind dabei allerdings offenbar nicht mit eingerechnet – die Folgen des Erdbebens allein seien jedenfalls kein "signifikanter Faktor" in der Bewertung der finanzielle Lage Nippons. Zehnjährige japanische Staatsanleihen rentierten am Montagmittag mit 1,213 Prozent. Das ist ein Minus von 42 Basispunkten im Vergleich zum Freitag. Am Morgen war die Rendite kurzzeitig auf 1,270 Prozent hochgeschossen. Dann wurde sie durch die Suche der Anleger nach Sicherheit wieder deutlich gedrückt.
Brennende Erdgastanks in der japanischen Stadt Ichihara   Brennende Erdgastanks in der japanischen Stadt Ichihara
Der Ölpreis war am Freitag nach dem Beben deutlich gefallen. Japan gilt als einer der größten Ölimporteure der Welt: Das rohstoffarme Land muss fast die gesamte Nachfrage importieren. Sie fällt einige Wochen schwächer aus – mindestens bis zum kommenden Monat, wenn die großen Industriebetriebe die ausgesetzte Fertigung wieder komplett aufgenommen haben dürften.
Angesichts der Probleme in den Kernreaktoren, die normalerweise etwa ein Drittel des landesweiten Energieverbrauchs erzeugen, könnte verstärkt auf Öl zur Energieproduktion zurückgegriffen werden, schreiben die Analysten der Société Générale. Am Montag war das Fass (159 Liter) der US-Sorte WTI für deutlich unter 100 Dollar zu haben – es notierte rund zwei Prozent leichter als am Freitag. Auch die für Europa maßgebliche Nordsee-Sorte Brent verbilligte sich erheblich. Hier wurde für das Barrel nur noch 111,57 Dollar und damit ebenfalls zwei Prozent weniger als zum Wochenschluss gezahlt.
Einen weiteren spürbaren Rückgang halten die Rohstoffexperten der Commerzbank um Analyst Eugen Weinberg allerdings für unwahrscheinlich: Zu groß sei nach wie vor die Sorge der Anleger, die Lage in Libyen könne sich verschärfen oder die Proteste in Nordafrika auf Saudi-Arabien und damit das Land mit den weltweit größten Reserven übergreifen. Angesichts der Kämpfe im Land ruht derzeit etwa ein Drittel der libyschen Ölproduktion. Der fehlende Ausstoß von etwa einer Million Barrel täglich wird derzeit durch die Saudis ausgeglichen, denen auch als einzigem Förderer diese Anstrengung zugetraut wird. Zum Vergleich: Japan verbrauchte vor der Katastrophe jeden Tag rund 4,4 Millionen Fass Öl.
Gold notierte am Montagmittag bei 1423 Dollar die Feinunze (31,1 Gramm) und damit 0,4 Prozent höher als am Freitagabend. Einige Anleger suchten Sicherheit durch den kauf des Edelmetalls. Ein Boom blieb allerdings trotz der andauernden atomaren Risiken aus. Silber wurde mit 35,80 Dollar je Unze notiert und damit 0,3 Prozent niedriger als am Freitag – das Edelmetall wird auch in erheblichen Maße aus der Industrie nachgefragt, wo der Bedarf erst einmal geringer ausfallen dürfte. Die Sorge um ausbleibende Nachfrage drückte auch die Kurse anderer Industriemetall wie Kupfer, Aluminium oder Zink.
Für eine Tonne Kupfer wurde an der Londoner Metallbörse LME 9170 Dollar gezahlt. Das ist ein Minus von 20 Dollar zum Vorwochenschluss. Aluminium gab dort auf 2544 Dollar die Tonne nach – ein Abschlag von einem Prozent. Zink kostete mit 2275 Dollar ebenfalls ein Prozent weniger. Bereits vor dem Beben hatten die Preise für Industriemetalle nachgegeben: Experten fürchten, dass der chinesische Kampf gegen die Inflation im land eine Abkühlung des Wachstums der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nach sich ziehen könnte – verbunden mit einer deutlich schwächeren Rohstoffnachfrage.
  • FTD.de, 15.03.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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