Die Wall Street räumt auf. Wo sonst Männer in Business-Anzügen über die Straße eilen, in Taxis springen und auf ihren Smartphones tippen, sind am Dienstagabend nur die Reinigungsleute unterwegs. Die Eingänge der Banken sind verrammelt und teils noch mit Sandsäcken gegen die Fluten geschützt. Gegenüber des gewaltigen Deutsche-Bank-Gebäudes fegt ein Mann den umherfliegenden Müll zusammen.
Im Hochhaus Wall Street Nr. 100, in dem kleinere Geldhäuser wie die Bank of Taiwan residieren, pumpen Männer in gelben Westen die Keller leer. Graue Wassermassen spritzen aus dem Haus auf die Straße und versickern langsam in den Gullis, die Straße ist nicht zu befahren. Sandsackberge türmen sich auf dem Gehweg. "Das ist hier Katastrophengebiet, gehen Sie weiter!", herrscht einer von ihnen die wenigen Touristen an, die es hierher verschlagen hat.
Hurrikan "Sandy" hat die berühmteste Straße der Finanzwelt an der Südspitze Manhattans heftig erschüttert - und unter Wasser gesetzt. Das globale Zentrum des Geldes kapitulierte vor dem Sturm. Die New York Stock Exchange, der wichtigste Börsenplatz der USA, war Montag und Dienstag geschlossen - so etwas gab es zuletzt nach den Anschlägen vom 11. September 2001.
Am heutigen Mittwoch öffnet sie wieder ihre Türen. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg wird um 9.30 Uhr (Ortszeit) die Glocke zur Eröffnung läuten. Börsianer erwarten gespannt, wie sich die Kurse von Unternehmen bewegen, die von "Sandy" betroffen sind - etwa von US-Einzelhändlern, denen die Kunden ausblieben oder von Generatorenherstellern, deren Geschäft wegen der Stromausfälle nun boomt.
Die Börse mag öffnen. Wann aber an der Wall Street wieder Normalzustand herrscht, ist unklar. Am Dienstagabend ist es leer und dunkel in der sonst so hellen Straße. Es gibt keinen Strom. Noch nicht einmal die Ampeln funktionieren.
Das Gebäude der Deutschen Bank ist eines der wenigen, wo Licht brennt. "Die haben einen riesigen Generator, die können sich das leisten", sagt Thomas Reis, der im Apartmenthaus "The Crest" in der Wall Street Nummer 63 als Doorman arbeitet. Er sitzt in der Lobby mit einer Duftkerze, die Bewohner gehen mit Taschenlampen raus und rein. "Alle, die irgendwie weg können, sind schon heute Morgen gefahren", sagt Reis. Es könnte Montag werden, bis der Strom wieder kommt, verkündete der örtliche Stromversorger Con Edison den "Crest"-Bewohnern.
Dutzende Einsatzwagen von Con Ed sind im Finanzdistrikt unterwegs, Mitarbeiter laufen in die Hochhäuser und wieder hinaus. Auf der Straße treffen sie die Mitarbeiter die U-Bahn. Auch sie funktioniert noch nicht - und wird noch tagelang nicht funktionieren.
Das große Aufräumen hat begonnen, zu Ende ist es noch lange nicht. Auch wenn der Transporter mit der Aufschrift "Cleanup & Restauration - Like it never happened" gerade weggefahren ist.