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  FTD-Serie: Die Nobelpreise des Jahres 2008

Sekt und Blitzlichtgewitter für wenige, enttäuschte Hoffnungen für viele: In diesen Tagen gibt die Nobel-Stiftung bekannt, wer 2008 die Nobelpreise für Medizin (6.10.), Physik (7.10.), Chemie (8.10.), Literatur (9.10.), Frieden (10.10.) und Wirtschaft (13.10.) erhält.

Merken   Drucken   09.10.2008, 15:14 Schriftgröße: AAA

Nobelpreis für Literatur: Poetische Abenteuer, sinnliche Ekstase

In manchen Ecken ist diese kriselnde Welt noch, wie wir sie kennen. Zuhause bei Familie Le Clézio etwa, dort sitzt am Donnerstagvormittag der Mann des Hauses in der Schreibstube und geht seinem Beruf nach. von Gregor Kessler (Hamburg)
Seine Frau nimmt den Telefonhörer ab, als dieser Anruf aus Schweden kommt. In Stockholm hat die Schwedische Akademie der Wissenschaften gerade entschieden, dass Jean-Marie Gustave Le Clézio die höchste Auszeichnung des Literaturbetriebs erhält. Die Akademie bleibt sich dabei treu: Schon in den vergangenen Jahren war es der Jury eine Herzensangelegenheit, Autoren zu ehren, die kaum ein Buchmacher auf der Liste hatte.
Le Clézio wurde bis vor ein paar Tagen von niemandem als Nobelpreiskandidat gehandelt. Sein Name tauchte erst auf, nachdem Horace Engdahl, Ständiger Sekretär des Nobelpreiskomitees, Anfang Oktober in einem Interview wissen ließ, amerikanische Autoren seien ignorant und selbstgerecht - und somit kurzerhand Langzeitaspiranten wie Thomas Pynchon, John Updike, Don DeLillo oder Philip Roth aus dem Rennen warf.
In ihrer Begründung feiert die Akademie den 68-jährigen Le Clézio als "Erforscher einer Menschlichkeit außerhalb und unterhalb der herrschenden Zivilisation" und preist ihn als "Verfasser des Aufbruchs, des poetischen Abenteuers und der sinnlichen Ekstase". Im Werk des Franzosen gerät diese Ekstase eher trocken. Le Clézio gilt als Vertreter des reduzierten und formal kargen Nouveau Roman. Der mit 1 Mio. Euro dotierte Preis gebe Kraft und motiviere ihn, weiterzumachen, sagte Le Clézio am Donnerstag in einem Interview mit Radiosender France Inter.
Le Clezio ist seit 1985 der erste französische ...   Le Clezio ist seit 1985 der erste französische Literaturnobelpreisträger
Le Clézio wurde in Nizza geboren und wuchs zweisprachig als Sohn einer Französin und eines englischen Mediziners auf. Im Alter von acht Jahren zog die Familie nach Nigeria, wo der Vater im Auftrag der britischen Regierung als Arzt arbeitete. Zurück in Frankreich studierte Le Clézio Literaturwissenschaft und arbeitete danach in England und Frankreich als Lektor. Als er 1963 mit 23 Jahren sein Romandebüt "Das Protokoll" veröffentlichte, lobte ihn die Literaturkritik als eines der erstaunlichsten und eigenwilligsten Talente der modernen französischen Literatur. Das von ihm selbst nur als "Spielroman" eingestufte Werk wurde mit dem renommierten Literaturpreis Théophraste-Renaudot ausgezeichnet.
Zu den mehr als 30 Büchern, die Le Clézio bis heute veröffentlicht hat, gehören Erzählungen, Romane, Essays, Kinderbücher und Übersetzungen indischer Mythologie. Darin entwickelt der Autor eine dichte und manchmal auch überwältigende Sprache, die den geheimnisvollen Verbindungen zwischen Mensch und Natur nachspürt. Seine Bücher sind oft schmerzliche Auseinandersetzungen mit den kommerzialisierten und industrialisierten Zivilisationen und seinen persönlichen Wurzeln.
Trotz zahlreicher Ehrungen in Frankreich blieb Le Clézio in Deutschland bislang weitgehend unbekannt. "Vielleicht ist das die beste Aufgabe des Nobelpreises," sagte deshalb am Donnerstag Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, "dass er in solchen Fällen dazu anregt, die vielen Bücher, die einmal erschienen sind, wieder aufzulegen."

Teil 2: Monoton und langweilig?

  • Aus der FTD vom 10.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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