"Das Gesamtbild hat mich dazu bewogen, die Welt zu alarmieren", sagte der 1947 geborene Berufsdiplomat. Die Hinweissuche sei wie ein Puzzlespiel. "Je mehr Teile, desto klarer wird das Bild. Alle bisherigen Informationen haben eine neue Bedeutung, wenn man neue Teile gefunden hat." Wie viele Teile noch fehlten zum Gesamtbild, sei unklar. "Das genau ist das Problem. Der Iran hat nicht zur Klärung beigetragen." Aber "das, was wir wissen, legt die Entwicklung von Atomwaffen nah".
Amano bestreitet auch die Anschuldigung der Iraner, dass die IAEA Schuld am Tod des Nuklearwissenschaftlers Mustafa Ahmadi Roschan trage, weil sie seinen Namen veröffentlicht habe. Nur so sei der Anschlag auf ihn vergangene Woche - vermutlich durch den israelischen Geheimdienst - überhaupt möglich geworden, behauptet der Iran. "Das ist falsch", kontert Amano. "Wir haben seinen Namen nicht veröffentlicht. Ich kannte ihn nicht."
Überhaupt lehne er solche Methoden ab. "Ich glaube nicht an Gewalt. Ich glaube an Dialog und Kooperation. Ich erwarte vom Iran lediglich, dass er kooperiert." Westliche Geheimdienste führen schon seit mehreren Jahren einen Schattenkrieg gegen den Iran und sein Atomprogramm - mit Sabotage, Computerviren und Anschlägen auf Atomwissenschaftler.
Amano ist gestern zu politischen Arbeitsgesprächen mit dem Auswärtigen Amt und im Wirtschaftsministerium in Berlin gewesen. Der seit zwei Jahren als IAEA-Chef amtierende Abrüstungsexperte gilt als zurückhaltender Technokrat, ein Leisetreter. Doch sein Amtsverständnis unterscheidet sich deutlich von dem seines Vorgängers Mohamed El Baradei. Der hatte in den IAEA-Berichten stets Aussagen vermieden, die politische Spannungen verstärkten. Dafür hatte die IAEA unter seiner Führung den Friedensnobelpreis erhalten. Doch viele fragen sich inzwischen, ob El Baradei die Gefahren für den Weltfrieden, die vom Iran ausgehen, beschönigt oder verschleiert hat.
Amano sagt indes, die Faktenlage sei inzwischen anders. "Ich denke, El Baradei hatte weniger Hinweise", so der IAEA-Chef diplomatisch. "Aus den Hinweisen, die ich hatte, habe ich die Schlussfolgerung gezogen, dass es Zeit ist, die Welt auf das Risiko aufmerksam zu machen."
Amano glaubt aber nicht, dass der Iran ein Beleg dafür ist, dass der Atomwaffensperrvertrag nicht funktioniert. Das Zusatzprotokoll sei ausreichend. Das Problem sei, dass der Iran es unterschrieben, aber nicht umgesetzt habe. "114 Staaten haben das getan. Warum nicht auch der Iran?"
Auch wenn Teheran nicht einlenkt, fürchtet der IAEA-Chef sich allerdings nicht vor einem Wettrüsten im Nahen und Mittleren Osten - schon aus Prinzip: "Angst zu haben ist nicht meine Aufgabe."