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Merken   Drucken   18.01.2012, 23:15 Schriftgröße: AAA

Nuklearwaffen: IAEA-Chef fordert Iran zu vollständiger Kooperation auf

Exklusiv Die Internationale Atomenergiebehörde will Zugang zu allen relevanten Informationen. Ihr Chef Amano verteidigt seine Kritik am Iran: "Es ist meine Aufgabe, die Welt zu alarmieren." von Joachim Zepelin  und Silke Mertins  Berlin
Der Chef der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), Yukiya Amano, fordert von der iranischen Regierung ungehinderten Zugang zu allen relevanten Atomanlagen und -unterlagen. Der Erfolg der für Ende Januar geplanten Inspektion der IAEA hänge einzig von der Kooperationsbereitschaft der Iraner ab. "Wir wollen alles überprüfen, was eine militärische Dimension haben könnte", sagte er im Interview der Financial Times Deutschland.
Yukiya Amano, Chef der IAEA   Yukiya Amano, Chef der IAEA
Amano hat den Iran mit dem jüngsten IAEA-Bericht im November enorm in Schwierigkeiten gebracht. Erstmals heißt es darin unverblümt, dass das iranische Atomprogramm auf die Entwicklung von nuklearen Waffen hindeute. In der Folge ist Teheran nun mit neuen US-Sanktionen und einem drohenden Ölembargo der EU konfrontiert.
Doch trotz der politischen Eskalation, die bereits Kriegsdrohungen enthält, bedauert Amano die nie da gewesene Deutlichkeit des Berichts nicht. "Ich habe überhaupt keinen Grund, den Bericht zu bereuen. Es ist meine Aufgabe, die Welt zu alarmieren, und das habe ich getan."
Den Vorwurf der Parteilichkeit, den der Iran immer wieder gegen ihn erhebt, weist der Japaner zurück. Teheran hatte ihm unter anderem vorgeworfen, sich auf westliche Geheimdienstquellen zu stützen. Die aber seien politisch gefärbt und interessengebunden. Amano bestreitet das. In dem Bericht seien nur Informationen verwendet worden, die glaubwürdig und überprüft worden seien. "Wir verlassen uns nicht auf eine Quelle allein und überprüfen alles mehrfach. Wir verbringen Tausende Stunden damit, Informationen zu vergleichen." Nur wenn die Inspektionen, offen zugängliche Quellen und Geheimdienstberichte einander bestätigten, würden sie im Bericht verwendet. Alles andere dagegen verworfen.
"Das Gesamtbild hat mich dazu bewogen, die Welt zu alarmieren", sagte der 1947 geborene Berufsdiplomat. Die Hinweissuche sei wie ein Puzzlespiel. "Je mehr Teile, desto klarer wird das Bild. Alle bisherigen Informationen haben eine neue Bedeutung, wenn man neue Teile gefunden hat." Wie viele Teile noch fehlten zum Gesamtbild, sei unklar. "Das genau ist das Problem. Der Iran hat nicht zur Klärung beigetragen." Aber "das, was wir wissen, legt die Entwicklung von Atomwaffen nah".
Amano bestreitet auch die Anschuldigung der Iraner, dass die IAEA Schuld am Tod des Nuklearwissenschaftlers Mustafa Ahmadi Roschan trage, weil sie seinen Namen veröffentlicht habe. Nur so sei der Anschlag auf ihn vergangene Woche - vermutlich durch den israelischen Geheimdienst - überhaupt möglich geworden, behauptet der Iran. "Das ist falsch", kontert Amano. "Wir haben seinen Namen nicht veröffentlicht. Ich kannte ihn nicht."
Überhaupt lehne er solche Methoden ab. "Ich glaube nicht an Gewalt. Ich glaube an Dialog und Kooperation. Ich erwarte vom Iran lediglich, dass er kooperiert." Westliche Geheimdienste führen schon seit mehreren Jahren einen Schattenkrieg gegen den Iran und sein Atomprogramm - mit Sabotage, Computerviren und Anschlägen auf Atomwissenschaftler.
Amano ist gestern zu politischen Arbeitsgesprächen mit dem Auswärtigen Amt und im Wirtschaftsministerium in Berlin gewesen. Der seit zwei Jahren als IAEA-Chef amtierende Abrüstungsexperte gilt als zurückhaltender Technokrat, ein Leisetreter. Doch sein Amtsverständnis unterscheidet sich deutlich von dem seines Vorgängers Mohamed El Baradei. Der hatte in den IAEA-Berichten stets Aussagen vermieden, die politische Spannungen verstärkten. Dafür hatte die IAEA unter seiner Führung den Friedensnobelpreis erhalten. Doch viele fragen sich inzwischen, ob El Baradei die Gefahren für den Weltfrieden, die vom Iran ausgehen, beschönigt oder verschleiert hat.
Amano sagt indes, die Faktenlage sei inzwischen anders. "Ich denke, El Baradei hatte weniger Hinweise", so der IAEA-Chef diplomatisch. "Aus den Hinweisen, die ich hatte, habe ich die Schlussfolgerung gezogen, dass es Zeit ist, die Welt auf das Risiko aufmerksam zu machen."
Amano glaubt aber nicht, dass der Iran ein Beleg dafür ist, dass der Atomwaffensperrvertrag nicht funktioniert. Das Zusatzprotokoll sei ausreichend. Das Problem sei, dass der Iran es unterschrieben, aber nicht umgesetzt habe. "114 Staaten haben das getan. Warum nicht auch der Iran?"
Auch wenn Teheran nicht einlenkt, fürchtet der IAEA-Chef sich allerdings nicht vor einem Wettrüsten im Nahen und Mittleren Osten - schon aus Prinzip: "Angst zu haben ist nicht meine Aufgabe."
  • Aus der FTD vom 19.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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