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Merken   Drucken   20.05.2005, 10:16 Schriftgröße: AAA

Ölpreis halbiert deutsches Wachstum 2005  

Die Rohstoffpreise sind auf immer neue Rekorde hochgeschnellt. Was der neue Ölschock bedeutet, hat die FTD in einer Artikelreihe in den vergangenen Wochen analysiert. Zum Abschluss: eine erste Gesamtbilanz der Folgen für Deutschland. von Sebastian Dullien, Berlin
Bremse für den Aufschwung   Bremse für den Aufschwung
Als im vergangenen Jahr der Ölpreis seinen Höhenflug begann, gaben sich die Volkswirte noch gelassen. Damals wurden Studien zitiert, wonach ein Ölpreisanstieg nur wenige Zehntel Prozentpunkte Wachstum koste.
Spätestens seit Beginn 2005 ist die Ruhe vorbei: Seit der Ölpreis in Richtung 60 $ pro Barrel (je 159 Liter) kletterte und die Konjunkturindikatoren weltweit auf Talfahrt gingen, sind die Sorgen deutlich gestiegen. Fast im Wochentakt wurden zuletzt die Prognosen für das Wirtschaftswachstum in Europa zurückgenommen - weil die höheren Ölpreise den Verbrauchern Geld für andere Ausgaben nehmen und die Firmen wegen schrumpfender Gewinne weniger investieren. Erst allmählich wird erkennbar, wie sehr das Wirtschaftswachstum gedämpft worden ist - und wie lange der neue Ölschock noch nachzuwirken droht.
Trend geht nach oben
Trotz des jüngsten leichten Rückgangs der Notierungen unter die 50-$-Marke sind jene Ölexperten mittlerweile in der Minderheit, die noch einen Rückgang auf 35 $ vorhersagen - noch im Herbst 2004 entsprach dieser Wert der gängigen Langfristprognose. "Weil derzeit kaum noch neue Ölfelder entdeckt werden, gleichzeitig aber die Nachfrage aus China und Indien steigt, wird der Ölpreis im Trend weiter steigen", so Wolfgang Wilke, Ölexperte der Dresdner Bank. Die Wirtschaft werde sich dauerhaft auf Ölpreise oberhalb 50 $ einstellen müssen.
Immer deutlicher wird, dass die Wachstumseinbußen alles andere als marginal sind. Nach Faustregeln des Internationalen Währungsfonds bremst ein Ölpreisanstieg um zehn Prozent das Wachstum in Europa in den nachfolgenden beiden Jahren um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte. Hört sich harmlos an. Da sich das Öl gegenüber dem Schnitt von 2004 dieses Jahr aber um rund 40 Prozent verteuert hat, ergibt sich in der Summe ein Wachstumsverlust von 1,2 Prozentpunkten.
Ähnliches geht aus Schätzungen der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute hervor, die in ihrer Frühjahrsprognose vorrechneten, dass sich die deutsche Importrechnung durch gestiegene Ölpreise 2005 um 16,3 Mrd. Euro verteuert - rund 0,75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dazu kommen reichlich gesamtwirtschaftliche Folgewirkungen.
Verunsicherung bei Verbrauchern und Firmen
Der hohe Ölpreis dämpfe auch die Konjunktur bei den Handelspartnern und so die deutschen Ausfuhren, sagt Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Zudem bremse ein besonders kräftiger Ölpreisanstieg wie dieses Jahr das Wachstum überproportional, weil die Verunsicherung von Verbrauchern und Firmen größer werde.
Die Schätzungen haben es in sich: Ohne Ölschock hätte das Wachstum in Deutschland dieses Jahr deutlich über zwei statt nur bei einem Prozent gelegen, wie es die meisten Auguren derzeit vermuten. Das hätte das Ende der Dauerstagnation bedeutet.
Trotz dieses Befunds setzen die Ökonomen darauf, dass der Schock bald überwunden wird. "Seit den 70er Jahren hat sich strukturell einiges geändert", sagt Gustav Horn, Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Zentralbanken und Gewerkschaften hätten gelernt, mit Energiepreisschüben umzugehen. "Anders als bei früheren Ölschocks steigen die Löhne kaum", so Scheide. Die Notenbanken müssten daher auch nicht mit höheren Zinsen reagieren. Das Wirtschaftswachstum kann rascher wieder anziehen.
Für eine raschere Überwindung des Schocks spricht auch, dass die Ölförderländer ihr Geld heute schneller wieder ausgeben, wie die Bundesbank jetzt feststellte. Das Geld geht zum Beispiel dann in Autos und Maschinen aus Deutschland. Dadurch erhole sich die gesamtwirtschaftliche Nachfrage schneller, und nach drei Jahren laufe der negative Effekt höherer Ölpreise aus. Vor 1990 wirkte ein Ölschock noch mehr als fünf Jahre nach, so die Bundesbank.
  • Aus der FTD vom 20.05.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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