Eine geflutete Chevron-Raffinerie in Pascagoula, Mississippi
Merrill Lynch spricht von einem "Angebotsschock historischer Dimension". Die direkten Folgen des Sturms seien indes verkraftbar. Die Einschätzungen machen deutlich, dass die optimistischen Äußerungen offizieller Stellen am Wochenende von Fachleuten zunehmend skeptisch gesehen werden.
US-Finanzminister John Snow hatte gesagt, er erwarte keine bleibenden Folgen für die US-Wirtschaft. Diese Einschätzung werde von US-Notenbankchef Alan Greenspan geteilt. Greenspan hatte sich zuvor mit US-Präsident George W. Bush getroffen, um über die Folgen zu beraten. Rodrigo Rato, Chef des Internationalen Währungsfonds, sagte: "Das globale Wirtschaftswachstum liegt bei deutlich über vier Prozent. Das ist in diesem Jahr so und wird auch im kommenden Jahr so sein."
"Die Situation sieht zunehmend nach einem traditionellen Energiepreisschock aus", so dagegen jetzt Bruce Kasman von JP Morgan. Die HypoVereinsbank warnt vor einem "Risiko für die US-Wirtschaft" für den Fall, dass die Ölpreishausse weitergeht. An den Finanzmärkten wurde der Pessimismus geteilt. Die Rendite auf zehnjährige Bundesanleihen fiel am Freitag auf ein Rekordtief; Ausdruck einer enormen Konjunkturskepsis der Anleger. Erste Volkswirte spekulieren, dass die US-Notenbank Fed wegen der unsicheren Wirtschaftslage ihren Zinserhöhungskurs unterbrechen muss.
Viele Schäden nicht versichert
Wie es hieß, steige der Ölpreis zwar seit längerem. Dies sei aber vor allem auf die Nachfrage in stark wachsenden Ländern wie China zurückzuführen gewesen. Entsprechend hätten den dämpfenden Folgen des hohen Ölpreises wachstumsstützende Effekte - etwa in Form höherer Exporte - gegenübergestanden. Der aktuelle Preisanstieg sei aber einer Verknappung des Angebots geschuldet; damit entfielen die positiven Nebenwirkungen, sagen die Ökonomen.
Noch sei die Situation aber nicht mit den Ölkrisen der 70er und 80er Jahre vergleichbar. Laut JP Morgan sind etwa 20 Prozent der US-Raffineriekapazität lahmgelegt.
In den nächsten Wochen wird die Wirtschaft den Experten zufolge zusätzlich durch Produktionsausfälle gedämpft. Zusammen mit den Ölpreisfolgen belaufen sich die Einbußen für das Wirtschaftswachstum laut JP Morgan auf 0,5 Prozentpunkte im dritten Quartal. Auch Snow räumte negative Wirkungen ein: "Der Wachstumspfad wird für ein Quartal oder so unterbrochen sein."
Indes würden die direkten Folgen mehr als wettgemacht, wenn der Wiederaufbau einsetze. "Die Aufräumarbeiten werden die Nachfrageausfälle kompensieren", sagt Peter Hooper, US-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Wie groß der Stimulus sei, hänge davon ab, in welchem Umfang private und öffentliche Gelder mobilisiert werden könnten, hieß es. Ein hoher Prozentsatz der Schäden sind ersten Schätzungen zufolge nicht versichert. Die US-Regierung hat bereits eine Hilfspaket von 10,5 Mrd. $ verabschiedet.
Deutschland und Europa: Dämpfer für die Wirtschaft Von Mark Schieritz
Auch in Deutschland und Europa bremst der hohe Ölpreis nach Einschätzung von Bankvolkswirten die Konjunktur. Ralph Solveen von der Commerzbank sagte, die Ölhausse belaste den ohnehin schwachen Konsum. Goldman Sachs revidierte am Freitag seine Prognose für das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone 2005 um 0,2 Prozentpunkte auf 1,1 Prozent nach unten. Eine nachhaltige Belebung der deutschen Wirtschaft im zweiten Halbjahr, wie sie vor wenigen Wochen noch von vielen Experten erwartet worden war, sei "unwahrscheinlich", hieß es am Wochenende bei der Deutschen Bank.
Anderer Auffassung ist die Rating-Agentur Standard &Poor's. "Der hohe Ölpreis hat Kostensenkungen, Restrukturierungen und Konsolidierungen in der deutschen Wirtschaft begünstigt", heißt es in einer am Montag veröffentlichten Studie des Instituts, die der FTD vorliegt. Die Agentur sagt einen regelrechten Investitionsboom voraus. Im kommenden Jahr nähmen die Ausgaben der Firmen um real um 7,0 Prozent zu - verglichen mit einem Plus von nur 4,5 Prozent in Frankreich.