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  FTD-Serie: Revolution in der Ökonomie

Die Weltwirtschaftskrise stürzt die etablierte Ökonomie in eine Sinnkrise - und gibt denen Auftrieb, die mit neuen Erklärmustern die Wirtschaftspolitik revolutionieren könnten. Die FTD stellt die wichtigsten Vordenker und ihre Ideen in einer Serie vor.

Merken   Drucken   12.05.2009, 19:03 Schriftgröße: AAA

Paradigmenwechsel: Neue Denker erobern Washington  

Die Rezession hat den Glauben an die Selbstheilungskräfte der Märkte erschüttert - und die etablierte Ökonomie in eine Sinnkrise gestürzt. Politiker suchen zunehmend Rat bei früheren Außenseitern. von Birgit Marschall, Martin Kaelble und Thomas Fricke (Berlin)
Am Abend des 27. April haben sich die Nobelpreisträger Paul Krugman  und Joseph Stiglitz  ihre vornehmsten Krawatten gebunden. Die Spitzenökonomen hatten einen wichtigen Termin - US-Präsident Barack Obama  hatte Krugman und Stiglitz zum Dinner ins Weiße Haus eingeladen. Was genau Obama von den beiden streitbaren Ökonomen wissen wollte und warum er darüber nicht berichtet hätte, wurde "New York Times"-Kolumnist Krugman hinterher von seinen Lesern gefragt. "Hm", antwortete der in seinem Internetblog, "weil das Gespräch nun mal ,off the record‘ war!"
Man kann getrost davon ausgehen, dass Krugman und Stiglitz ihre Kritik am bisherigen Krisenmanagement der US-Regierung beim Roastbeef mit Obama wiederholt haben. Die Ökonomen sind der Meinung, Obama müsse noch mehr Geld in die Ankurbelung der Konjunktur stecken - und noch mehr in das US-Banken- und Finanzsystem eingreifen, um dessen wohlfahrtsgefährdende Eskapaden zu unterbinden.
Die Nobelpreisträger von 2001 (Stiglitz) und 2008 (Krugman) gehören zu jener Reihe moderner Wirtschaftswissenschaftler, deren politischer Einfluss in der Weltwirtschaftskrise enorm zugenommen hat. Auch wenn die wichtigsten akademischen Leistungen der "Neuen" teilweise schon Jahrzehnte zurückliegen, werden sie jetzt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt - und zunehmend suchen die Regierungen in aller Welt bei ihnen Rat.
Nicht nur theoretisch, sondern auch in der Praxis bahnt sich damit ein Paradigmenwechsel an. Die Krise hat das lange herrschende Vertrauen in die Selbstheilung der Märkte erschüttert. Ökonomen, die erklären, wie die Welt in die Krise stürzen konnte, erleben eine seltene Aufmerksamkeit. Vor allem wollen Politiker wissen, wie sie aus der Krise herauskommen. Nicht mehr formalisierte Annahmen, sondern praktische Analysen des menschlichen Verhaltens sind daher gefragt. Dafür steht auch der Erfolg des Bestsellers "Animal Spirits" von George Akerlof  und Robert Shiller. Darin beschreiben die US-Ökonomen, wie Herdentrieb negative Entwicklungen an den Finanzmärkten beschleunigt und jene Selbstkorrektur ausbleibt, die es nach etablierter Lehre eigentlich geben müsste.
Stiglitz, Shiller und ihre Jünger haben eine Art Siegeszug über das von Milton Friedman geprägte Dogma des Laisser-faire angetreten. Und sie versuchen dabei, alte Fehler staatlicher Interventionen zu vermeiden. In Situationen massiven Vertrauensverlusts könne der Staat dafür sorgen, dass die Nachfrage aus ihrer Agonie befreit werde - ohne sinn- und grenzenlos Geld auszugeben.
Wie verbreitet das neue konjunkturpolitische Denken bereits ist, zeigt sich daran, dass Barack Obama gleich auf mehrere Berater aus dem neuen Lager setzt. Etwa auf Harvard-Ökonom Larry Summers, der als einer der Ersten Konjunkturpakete forderte, die schnell einsetzen und zeitlich befristet sind. Oder auf Austan Goolsbee, der sich seit Jahren mit Verhaltensökonomie beschäftigt.
Wie einflussreich die neuen Denker sind, zeigt auch die Besetzung des Chefposten beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Der Franzose und MIT-Ökonom Olivier Blanchard  gab in den vergangenen Monaten Handlungsanleitungen für gute Konjunkturpolitik. Und er sorgte dafür, dass sich der von IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn  eingeleitete Politikwechsel des Fonds beschleunigte: Heute versieht der IWF Hilfskredite an klamme Länder kaum noch mit der Auflage, Defizite schneller abzubauen oder rascher zu deregulieren. Vor allem Stiglitz hatte moniert, wie falsche Auflagen die Asienkrise 1997/98 verschärft hatten.
Ein weiteres Beispiel ist der Brite Charles Goodhart , früher Chefvolkswirt der Bank of England. Weil Banken in guten Zeiten übermütig würden und in schlechten zu übermäßig restriktiver Kreditvergabe neigten, müsse via Regulierung gegengesteuert werden. Goodhart plädiert für ein "atmendes" System der Bankenregeln, in schlechten Zeiten sollten die Banken weniger Eigenkapital vorhalten müssen, in guten mehr. Und: Einige seiner Forderungen sind eingeflossen in das Abschlussdokument des G20-Gipfels Anfang April: Die Basel-II-Regeln für Banken sollen grundlegend reformiert werden.
Bei Deutschlands Ökonomen überwiegt bislang noch die Skepsis, was das Neue angeht. So ganz geht es an ihnen allerdings auch nicht vorbei. Zumindest begründet selbst die Kanzlerin die Forderung nach sinkenden Steuern heute damit, dass ja die Konjunktur gestützt werden müsse.
Berater mit Zugang zur Macht

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