"Hoffnung und Wandel" - das war damals. Was Barack Obama heute anbietet, ist "ein schwierigerer Weg, der in eine bessere Zukunft führt". Der Kandidat, der noch vor vier Jahren auf dem Parteitag in Denver sein Land und den Rest der Welt inspirierte, war ein anderer als der Präsident, der die Amerikaner in Charlotte bittet, ihm eine zweite Chance zu geben. "Die Zeiten haben sich geändert - und ich mich auch", sagt Obama. Im Jahr 2012 ist er ein Mann mit grauem Haar und einer durchwachsenen Bilanz. "Während ich stolz auf das bin, was wir gemeinsam erreicht haben, bin ich mir der eigenen Fehler bewusst", bekennt Obama. Aber er ist auch gekommen, um zu sagen: Kurs halten! Die Richtung stimmt!
Die Aufgabe, vor der der Präsident an diesem Abend steht, ist so schwierig wie die Herausforderungen, die sein Land bewältigen muss. Er bezeichnet die Wahl zwischen ihm und seinem Gegner Mitt Romney als "eine Wahl zwischen zwei fundamental verschiedenen Visionen für die Zukunft". Aber er muss erklären, warum seine Vision die überlegene ist, obwohl viele Amerikaner deren Wirkung noch nicht spüren. Warum seine Vision langfristig mehr Arbeitsplätze schaffen wird und mehr Wohlstand für die Mittelklasse. Und warum seine Vision eine gerechtere Gesellschaft bringen wird, die er heute wie damals beschwört.
Die Zuhörer in der voll gepackten Parteitagshalle muss er nicht überzeugen. Sie jubeln aus 20.000 Kehlen und halten Schilder mit der neuen Losung hoch: "Vorwärts". Entscheidend wird sein, ob die Millionen Fernsehzuschauer im ganzen Land Obamas Worten mehr Glauben schenken als denen seines Gegners. Er greift zu zwei Tricks, derer sich Politiker oft bedienen, wenn die Realität zu wünschen übrig lässt. Trick Nummer eins: Fürchtet meinen Gegner! Wie die meisten seiner Vorredner auf diesem Parteitag malt Obama ein Szenario an die Wand, in dem ein Präsident Romney blind Steuern für Reiche senkt und gleichzeitig Regulierungen abschafft und damit die Mittelklasse aushöhlt. Trick Nummer zwei: Ich bin der ehrliche Kandidat. "Sie haben mich nicht gewählt, damit ich Ihnen erzähle, was Sie hören wollten. Sie haben mich gewählt, damit ich Ihnen die Wahrheit sage", sagt Obama. "Und die Wahrheit ist, dass es mehr als ein paar Jahre dauern wird, um die Herausforderungen zu meistern, die sich über Jahrzehnte aufgetürmt haben."
Obamas Vision ist im Kern die gleiche wie vor vier Jahren, aber die Ziele klingen bescheidener. Er will Arbeitsplätze in der Industrie schaffen, das Land unabhängig von Energieimporten machen, das Bildungssystem verbessern und das Haushaltsdefizit abbauen. Das sei "ein machbarer Plan, der zu neuen Jobs und mehr Chancen" führen werde, "und der die Wirtschaft auf eine stärkere Grundlage stellt".
Aber die Wegmarken sind vorsichtig gesetzt. Damals sollten Investitionen in erneuerbare Energien fünf Millionen neue Jobs schaffen. Heute nennt er nur die 600.000 Jobs, die bis Ende der Dekade in der Erdgasproduktion entstehen sollen - angesichts des Schiefergasbooms ist das eine realistische Zahl. Auch die Verdoppelung der Exporte bis 2014, die Obama als Ziel nennt, liegt schon jetzt in greifbarer Nähe. Die bildungspolitischen Ziele sind ebenfalls überschaubar. Er wolle 100.000 neue Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften einstellen und dafür sorgen, dass zwei Millionen Menschen eine Fachhochschulausbildung erhalten. Die Kosten fürs College sollen langsamer steigen als bisher.
Neue Vorschläge sucht man in dieser Rede vergeblich. Obama zieht eine Bilanz des Erreichten - von der Erhaltung von Industriejobs in der Wirtschaftskrise über den besseren Schutz der Verbraucher bis zu seinem größten sicherheitspolitischen Erfolg, der Tötung des Terrorführers Osama bin Laden. Dann reicht er seine noch nicht erreichten Ziele in abgespeckter Form zur Wiedervorlage ein.
Den Fernsehkommentatoren reicht das nicht. "Eine der inhaltsleersten Reden, die ich je auf einer nationalen Bühne gehört habe", urteilt der rechtsgerichtete Charles Krauthammer im Sender Fox News. Aber auch der Demokrat James Carville auf CNN ist enttäuscht: "Dies war wahrscheinlich nicht die beste Rede des Parteitages", zieht er den Vergleich zu Obamas Vize Joe Biden, der den Saal mit einer emotionalen Rede aufgeheizt hatte. Aber der stolze Ton des Präsidenten habe ihm gefallen.
Die Delegierten im Saal lassen nichts auf ihren Präsidenten kommen. "Wir müssen Kurs halten, wir machen doch Fortschritte!", verweist Abe Amoros, ein Arbeiteraktivist aus Pennsylvania darauf, dass es mit der Wirtschaft zuletzt doch schon aufwärts gegangen sei. Auch Jerome Pandell, ein Anwalt aus Kalifornien, macht es nichts aus, dass Obama so wenige konkrete Vorschläge machte. "Niemand weiß, was eine zweite Amtszeit bringen wird", sagt er. "Aber Obama hat bewiesen, dass er auf Krisen gut reagieren kann." In der Rede hat er keine Überraschungen erwartet: "Obama schreibt diese Rede doch schon seit vier Jahren", sagt Pandell. Es ist das Plädoyer dafür, den Mann, der vor vier Jahren wegen seiner Rhetorik heiß bewundert wurde, an seinen Taten zu messen, nicht an seinen Worten.