Das Bundesjustizministerium
"Das tritt nach meiner Kenntnis, äh, ist das sofort, äh, unverzüglich", hatte SED-Funktionär Günter Schabowski am 9. November 1989 vor laufenden Fernsehkameras gesagt, unfreiwillig, aus dem Konzept gebracht durch die Nachfrage des "Bild"-Korrespondenten Peter Brinkmann. "Schabowski las eher beiläufig von einem Zettel einen Ministerratsbeschluss über eine neue Reiseregelung ab", erinnert sich Brinkmann. Er habe dann als Erster dazwischengerufen. "Wann? Sofort?" Schabowski stutzte, blickte noch einmal auf sein Blatt und sagte den Satz, der dem Arbeiter- und Bauernstaat das Fundament zerriss.
Die Erschütterungswellen breiteten sich aus. Menschenmassen spülten ein autokratisches Regime hinweg, die Grenzübergänge wurden geöffnet, die Wiedervereinigung beschlossen, Berlin zur Hauptstadt erklärt, und aus dem Presseamt der Deutschen Demokratischen Republik wurde das Justizministerium der Bundesrepublik Deutschland. Schabowskis Satz hatte die Mauer eingerissen, nicht am Brandenburger Tor, sondern hier, in einem schmucklosen Saal in der Mohrenstraße 38 im ehemaligen Ostteil Berlins.
Getilgte Erinnerung
Die Sieger schreiben die Geschichte, und die Siegerrepublik hat es sich nicht nehmen lassen, die Erinnerung an den historischen Moment nahezu völlig zu tilgen. Es wurde renoviert nach dem großen Beben, und das gründlich. Glasdächer überspannen lichte Innenhöfe, ein Bibliothekskubus thront inmitten eines Dachgartens, den kaum jemand benutzt. Da, wo es vor 17 Jahren nach links in den Konferenzsaal ging und die Treppe hoch in das Restaurant führte, in dem die West-Journalisten bei Roulade und Sauerkraut abgeschöpft werden sollten, sitzt heute die Bundesjustizministerin. Das Alte ist weg, weg wie der Geruch nach billigem Reinigungsmittel, weg wie die Mauer und der Palast der Republik.
Nur ein Kunstwerk im Erdgeschoss soll noch daran erinnern, dass hinter der historischen Fassade das Epizentrum der Wiedervereinigung war. Man kann es von außen sehen, wenn man am Haus vorbeispaziert: ein paar Stühle auf einer schiefen Ebene, die die politischen Verwerfungen symbolisieren soll, davor ein Flachbildschirm mit sanft auf den Betrachter zurollenden Wellen in Blau und Rosa. "Aufbruch zu neuen Ufern", so hat der Künstler Ulrich Schröder seine Installation erklärt. Sie wirkt wie ein durchgestyltes Alibi für das schlechte Gewissen, dem Osten einen Teil seiner Geschichte genommen zu haben.
Touristen kommen selten hierher, es gibt schließlich den Checkpoint Charlie und den Reichstag und überhaupt viel zu sehen in Berlin. "Wenn's zwei oder drei im Monat sind, ist das viel", sagen die Wachleute in ihrem Panzerglaswürfel. Zwei oder drei Besucher, die sich den Ort anschauen wollen, an dem die DDR starb. "Tot ist tot", sagt Peter Brinkmann.
Pressezentrum der DDR