Die Macher hinter den News: Porträts von Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft.
Sein Anzug sitzt perfekt, die Haartolle auch: Selbst am Ende eines langen Wahlkampftages sieht Enrique Peña Nieto noch aus wie der Hauptdarsteller einer mexikanischen Telenovela. Mexikos aussichtsreichster Präsidentschaftskandidat gestikuliert mit übertriebener Präzision, wie man sie sonst nur von zweitklassigen Fernsehschauspielern kennt. Er spricht von "Frieden" und "Freiheit" und macht dabei jene Handbewegungen, die Drehbuchschreiber als "staatsmännisch" beschreiben würden.
Am Sonntag wählt Lateinamerikas zweitgrößte Volkswirtschaft einen neuen Präsidenten und laut Umfragen liegt der 45-jährige Oppositionskandidat uneinholbar vorn. Peña Nieto verspricht das, was den regierenden Christdemokraten in zwölf Jahren nicht gelungen ist: Wirtschaftsreformen, Sozialversicherung für alle und ein Ende des Drogenkriegs. Wie das gehen soll, hat Peña Nieto bisher nicht erklärt, stattdessen hat er sich auf sein Charisma verlassen. "Copete" nennen sie ihn in Mexiko, Stirnrolle.
Dafür, dass der Beau der mexikanischen Politik stets im rechten Licht erscheint, sorgt der Privatsender Televisa - der größte spanischsprachige Sender der Welt, der über 80 Prozent des mexikanischen TV-Markts kontrolliert und für viele arme Mexikaner die einzige Informationsquelle darstellt. Seit 2006 feiert Televisa jeden vermeintlichen oder tatsächlichen Erfolg Peña Nietos - und wird dafür laut mexikanischen Medien von ihm nahestehenden Unternehmern bezahlt. Nach einem Bericht des britischen "Guardian" unterhielt Televisa bei der Parlamentswahl 2009 sogar eine geheime Einheit mit dem Codenamen "Team Handcock", die Peña Nietos Partei der Institutionellen Revolution (PRI) Wahlkampfhilfe leisten sollte.
Die Herzen der Mexikaner eroberte der Präsidentschaftskandidat 2010, als seine Vermählung mit dem beliebten Fernsehstar Angélica Rivera von Televisa im Stil einer Königshochzeit inszeniert wurde. Dabei färbte der Glanz seiner Frau, die von ihren Fans "die Möwe" genannt wird, offensichtlich auf den Politiker ab. Bis dahin war er lediglich Gouverneur einer der 32 Bundesstaaten Mexikos. Danach kam er landesweit als Präsidentschaftskandidat ins Gespräch.
"Peña Nieto ist ein Geschöpf des Fernsehens", sagt der Medienwissenschaftler Raúl Trejo. Er sei der "Berlusconi Mexikos". Es gebe aber einen entscheidenden Unterschied zum italienischen Original, Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi: "In Italien lenkte der Premier das Fernsehen." In Mexiko würden dagegen die Unternehmen, die die positive Berichterstattung bezahlt hätten, nach den Wahlen eine Gegenleistung fordern.
Denn so frisch der Kandidat auch wirken mag, so verkrustet ist der Apparat, der hinter ihm steht. Mit einem Sieg Peña Nietos würde Mexikos einst allmächtige Staatspartei PRI an die Macht zurückkehren. Sie steht für die dunkelsten Kapitel in der Geschichte des Landes: für Massaker an Studenten und Oppositionellen, Wahlbetrug, Finanzkrisen und Korruption. Im Jahr 2000 hatten Mexikos Wähler genug davon und beendeten nach 71 Jahren die PRI-Herrschaft, die Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa einmal als "die perfekte Diktatur" beschrieben hat.
Die Aussicht auf eine Rückkehr der PRI mobilisierte in den vergangenen Wochen allsonntäglich noch einmal Tausende Demonstranten. Vor allem Studenten gingen gegen die in ihren Augen parteiische Berichterstattung von Televisa auf die Straße.
Peña Nieto konnte das wenig anhaben. Er präsentiert sich als Reformer einer demokratisch geläuterten PRI. Doch viele trauen ihm nicht. "Peña Nieto ist ein Wolf im Schafspelz", warnt der Juraprofessor und politische Kommentator John Ackerman. "Er zeigt ein junges Gesicht, aber er gehört zu den Dinosauriern Mexikos. Er repräsentiert die alte, korrupte politische Klasse."