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Merken   Drucken   16.02.2011, 08:22 Schriftgröße: AAA

Pressestimmen: "Berlusconi hat ein Sündenkonto aufgehäuft wie keiner vor ihm"

Mailänder Richter haben einen Prozess wegen Amtsmissbrauch und Umgang mit minderjährigen Prostituierten gegen den italienischen Ministerpräsidenten zugelassen. Leitartikler hoffen, dass damit das Ende der Berlusconi-Ära eingeläutet wird.
"Der neue Tag" (Weiden)
"Aus der Perspektive Deutschlands, wo eine gepflegte Rücktrittskultur herrscht, ist es ohnehin unglaublich, dass Silvio Berlusconi noch im Amt ist. Trotz aller Ermittlungsverfahren der Vergangenheit. Trotz verbaler Entgleisungen. Trotz monatelanger Berichte über den Umgang mit einer minderjährigen Prostituierten. Dieser Prozess kann jedoch das Aus bringen. Einen Schuldspruch würde auch das Stehaufmännchen politisch nicht überleben."
"Darmstädter Echo"
"Dass die italienische Justiz dem Cavaliere nun nach jahrelangem Tauziehen möglicherweise doch noch den Prozess macht, ist ein Hoffnungsschimmer. Sie tut das, was ihr die politische Klasse jahrelang verboten hatte und was Italiens Intellektuellen nie gelang: Sie ruft den Premier zur Räson."
"Landshuter Zeitung/Straubinger Tagblatt"
"Berlusconi hat überzogen und ein Sündenkonto aufgehäuft wie noch keiner vor ihm in Italien und in EU-Europa sowieso nicht. Der ihn umgebende Geruch von Machtmissbrauch, Korruption, Mafia-Verbindungen und Sexskandalen stinkt den Europäern inzwischen gewaltig. Niemand sagt etwas, aber wenn ihn die Justiz aus dem Verkehr ziehen sollte, würde die Rest-EU aufatmen."
Silvio Berlusconi, nicht mehr ganz so unantastbar   Silvio Berlusconi, nicht mehr ganz so unantastbar
"Südkurier" (Konstanz)
"Der bisher so Unantastbare, der stets die "linke Justiz" der Hetze gegen ihn beschuldigen konnte, steht mit dem Rücken zur Wand. Die Bewunderung, die das Land so viele Jahre dem windigen und wendigen Selfmade-Milliardär entgegen brachte, schlägt um in Verachtung. So lange der Regierungschef mit Frauen verkehrte, zeigte das Volk Langmut. Sex mit Minderjährigen ist für die kinderliebenden Italiener unverzeihlich. Basta!, heißt es endlich. Ein Kernland Europas kann beweisen, dass vor dem Gesetz doch alle Menschen gleich sind."
"Badische Zeitung" (Freiburg)
"Was dramatisch und medienwirksam aussieht, könnte doch ein Vorwand für Berlusconis Anwälte sein, die Richterinnen wegen Befangenheit abzulehnen; ganz zu schweigen davon, dass sie ohnehin nicht das Gericht in Mailand für zuständig halten. Und Berlusconi selbst? Er kann ab und an Termine als Regierungschef vorschützen, um den Prozess zu verzögern. Eines gilt in Italien jedenfalls als ausgeschlossen: ein Rücktritt Berlusconis. Er sieht sich verfolgt von einer linken Richterschaft und will den Kampf gegen sie führen - dafür nimmt er es in Kauf, den Ruf Italiens in aller Welt zu ruinieren.sind. So muss es für den Signore aus Mailand heißen: Arriverderci Roma!"
"Neuen Presse" (Hannover)
"Na so was! Da haben wir uns jahrelang verwundert die Äuglein gerieben und ungläubig Silvio Berlusconis Bella Italia bestaunt, in dem ein Medienmogul gleichzeitig Regierungschef, mutmaßlicher Mafiafreund und Steuerhinterzieher sein kann. Und nun fällt eben dieser Mann über Bunga-Bunga-Partys? Das wäre zu schön, um wahr zu sein."
"Rhein-Neckar-Zeitung" (Heidelberg)
"Berlusconi wird auch diesmal versuchen, dem Gerichtstermin zu entgehen. Nur ist jetzt alles anders. Es geht nicht um vermeintlich bestochene Richter. Es geht um Minderjährige, die mit Lustgreisen Sex gehabt haben sollen. Es geht um das moralische Fundament - nicht nur - der italienischen Gesellschaft. Berlusconi "hat fertig". Finito."
"Westfälische Nachrichten" (Münster)
"Wenn nie etwas passiert sei, wie Silvio Berlusconi rührselig behauptet, wäre dies wohl das traurigste Kapitel im Leben des alternden Cavaliere. Dass Berlusconi vor Gericht ausgerechnet drei Richterinnen Rede und Antwort stehen muss, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Wird nun die Affäre um eine 17-Jährige zum Stolperstein für den Regierungschef? Berlusconi muss bei einer Verurteilung mit bis zu 15 Jahren Haft rechnen. Die politische Karriere des 74-Jährigen wäre damit am Ende. Doch bei einem wie Berlusconi darf man nicht sicher sein, dass er im Stiefel nicht doch noch ein Schlupfloch findet."
"Leipziger Volkszeitung"
"Mitten im Flüchtlingsdrama auf Lampedusa und einer anhaltenden Wirtschaftskrise ist die italienische Politik völlig fixiert auf die Justiz- und Privatprobleme Berlusconis, der nicht einsehen kann oder will, dass er seinem Land nur noch Schaden zufügt. Damit gleicht er - Ironie der jüngsten Geschichte - dem angeblichen Onkel seiner Bunga-Bunga-Bekannten Ruby, Hosni Mubarak. Mit dem Unterschied, dass der ägyptische Langzeit-Autokrat schließlich weggeputscht worden ist. Ein Staatsstreich ist in Italien gottlob nicht in Sicht. Doch außer dem Direktbetroffenen ist auch in Rom allen klar, dass hier ebenfalls eine Ära zu Ende geht. Die bange Frage ist nur noch wann und wie."
  • FTD.de, 16.02.2011
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