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Merken   Drucken   05.09.2009, 09:18 Schriftgröße: AAA

Pressestimmen: "Natürlich ist die Bundeswehr im Krieg"  

Der von der Bundeswehr angeforderte Luftschlag auf einen Tanklastzug macht die Lage der Truppe in Afghanistan nicht einfacher, warnen die deutschen Leitartikler. Zu hause hätten die Bürger zudem das Recht, die Wahrheit zu hören - insbesondere im Wahlkampf.
"Frankfurter Rundschau"
Nach der Wahrheit zu suchen, das hieße für die deutsche Afghanistan-Debatte: alles in Frage, alles auf den Prüfstand zu stellen. Und zwar unter einer einzigen, moralisch zwingenden Perspektive: Wie lässt sich der humanitäre Anspruch unter möglichst geringem Einsatz von Gewalt einlösen? Wie lässt sich einer Kriegslogik entrinnen, zu der Ereignisse wie das tödliche Bombardement von Kundus gehören? Es muss nach einem Ausgang aus diesem Krieg gesucht werden. Ausgang, das heißt nicht: Raus und nach uns die Sintflut. Es würde bedeuten, jetzt, und zwar sofort, die so oft bemühte humanitäre Komponente, die Hilfe und den Aufbau erkennbar in den Mittelpunkt zu stellen. Und dabei mindestens so großzügig zu sein wie bei der Finanzierung des Krieges. Es hieße, wirklich alles zu tun, damit die Bombe von Kundus wenigstens zum Signal für eine Umkehr wird.
"Leipziger Volkszeitung"
Die Sicherheitslage in Kundus wird immer beunruhigender. Aber das Verteidigungsministerium verteilt unbeirrt weiter Beruhigungspillen, auch beim Nato-Luftangriff im Einflussbereich der Bundeswehr mit der bisher größten Opferzahl. Dabei geht es nicht um Vorverurteilung, wohl aber um Aufklärung. Ausgerechnet die Deutschen, die vehement dazu aufforderten, zivile Opfer zu vermeiden, haben diese nun offenbar selbst zu verantworten. Wie die Amerikaner im Süden geraten auch sie in die Situation, dass mühsam aufgebautes Vertrauen der Einheimischen verloren geht. Es wird Zeit für mehr Ehrlichkeit. Afghanistan ist längst mehr als ein Stabilisierungseinsatz. Es ist Krieg, und der traurige Vorfall wird auch die Zustimmung in der deutschen Bevölkerung weiter sinken lassen.
"Kölnische Rundschau"
Die Bundeswehr hat sich bislang viel darauf zugute gehalten, in Afghanistan vor allem ein Ziel zu verfolgen - dem Land beim zivilen Wiederaufbau zu helfen. Es sind die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 von der Macht vertriebenen, radikal-islamischen Taliban, die sich bemühen, die ausländischen Soldaten als Aggressoren hinzustellen. Solche Aktionen wie der verheerende Angriff auf die beiden Tanklastzüge machen in den Augen der einheimischen Bevölkerung diese unzutreffende Propaganda plausibler. Das ist abseits der menschlichen Tragik das eigentlich Verhängnisvolle an dem Vorgang. Die Bundeswehr verliert an Vertrauen.
"Volksstimme" (Magdeburg)
Wer gehofft hatte, dass die Präsidentenwahl in Afghanistan irgendetwas zur Beruhigung der angespannten Situation im Lande beitragen würde, sieht sich getäuscht. Im Gegenteil: Für die Bundeswehr bedeutet der Luftangriff bei Kundus eine neue Dimension im Kriegsgeschehen. Die deutschen Soldaten agieren nicht mehr nur mit Jeeps und Panzern, sondern nun auch mit Unterstützung aus der Luft. Beim Bombardement zweier von den Taliban gestohlener Tankwagen fanden Dutzende Menschen den Tod. Waren dies tatsächlich alles islamistische Kämpfer? Oder nicht auch unbeteiligte Zivilisten? Wenn das der Fall war, wird die Lage für die Deutschen noch schwieriger, als sie ohnehin ist. Die Schonung der Zivilbevölkerung hat nach der Maßgabe von Bundeswehr und Isaf oberste Priorität. Eine Verletzung dieses Prinzips kann die Afghanen gegen die bisher gut gelittenen deutschen Soldaten einnehmen.
"Südkurier" (Konstanz)
Wurde hier nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen? Danach aber sieht es aus. Es wurde Sprit gestohlen und es wurden zwei Lkw-Fahrer ermordet. So etwas muss man nicht ohne Gegenwehr hinnehmen, vor allem, weil die Taliban mit dem Benzin Mobilität sichern. Aber ein Bombenangriff kann nur dann befohlen werden, wenn die Anwesenheit von Zivilisten sicher auszuschließen ist. Das war nicht der Fall. Ein Pilot kann gar nicht beurteilen, ob nur Taliban getroffen werden oder nicht. Denn die Kämpfer sehen aus wie Zivilisten. Das ist ihre Tarnung. Taliban und ihre Sympathisanten nennen stets hohe Opferzahlen. Das ist Teil ihrer Propaganda. Hier jedoch muss eine neutrale Untersuchung Klarheit schaffen. Die Bundeswehr hat in Afghanistan viel geleistet. Doch wenn sie auf Bomben setzt, wird das Vertrauen der Bevölkerung wegbrechen. Und dann wird die Lage für die Deutschen noch gefährlicher.
  • FTD.de, 05.09.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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