Der Fall des Dominique Strauss-Kahn erregt die Kommentatoren. Sie sind sich einig, dass die Medien, aber auch die New Yorker Justiz die Unschuldsvermutung missachtet haben. Für sie sollte die Affäre eine Mahnung sein.
"Nürnberger Zeitung":
"Offenbar haben sich die Ankläger enorme Schnitzer erlaubt. Darf Strauss-Kahn deshalb auf ein Comeback als Präsidentschaftskandidat in Frankreich hoffen? Die Antwort: Nein. Mag sein, dass in manchen Kreisen eine Sex-Affäre den Ruf eines Mannes als Draufgänger und Galan fördert. In einem hohen politischen Amt ist solch ein Mann fehl am Platz. Wer sich solche Blößen gibt, muss die Konsequenzen ziehen. Sonst könnte sich Karl-Theodor zu Guttenberg demnächst als Justizminister bewerben."
Ende des Hausarrests
Der Triumph des DSK
"Stuttgarter Nachrichten":
"In dem Maß, in dem sich die Welt im Zeitalter von Internet und Kommunikationsnetzen zum Dorf entwickelt, braucht sie dessen Maßstäbe fürs Zusammenleben - ein Mindestmaß an Respekt, eine Kultur des "Erst schauen, dann urteilen". Die Entwicklung geht aber mit Macht in die Gegenrichtung. Also in die falsche. So führt der Weg unter den Vorzeichen vermeintlicher Aufklärung geradewegs zurück zu vormittelalterlichen Prangerstrafen. Vollzogen in weltweiter Sichtbarkeit. Der Schaden auch für Rechtsstaat und Gesellschaft ist immens."
"Münchner Merkur":
"Der Fall Strauss-Kahn entwickelt sich zur Riesenblamage für die forschen New Yorker Inquisitoren - und zum exemplarischen Beispiel für den gnadenlosen Umgang amerikanischer Justiz- und Sicherheitsbehörden mit der hierzulande aus guten Gründen hochgehaltenen Unschuldsvermutung. Der Chef des Internationalen Währungsfonds unrasiert, mit gefesselten Händen, eskortiert von Polizisten auf dem Weg zum Haftrichter: Diese bereitwillig präsentierten Bilder erfüllten perfekt den Tatbestand der Vorverurteilung. Zu Selbstgerechtigkeit besteht übrigens hierzulande kein Anlass. Polizei und Justiz, die sich etwa im Kachelmann-Prozess angreifbar gemacht haben, sind gut beraten, den Fall Strauss-Kahn als drastische Mahnung zu begreifen."
"Frankfurter Allgemeine Zeitung":
"Strauss-Kahn hatte kurze Zeit vor der New Yorker Affäre, damals noch Favorit der Vorwahlen für den sozialistischen Präsidentschaftskandidaten, darüber räsoniert, dass man ihm möglicherweise eine Falle stellen werde. In diesem Zusammenhang hatte er selbst als Schwachpunkt seine Neigung zu Frauen genannt. Die Wende in New York wird deshalb Spekulationen über eine Verschwörung gegen den aussichtsreichsten Herausforderer Präsident Sarkozys wieder Auftrieb geben. Darauf gibt es zwar bisher keine Hinweise; aber die abgehörten Telefon-Äußerungen der Hotelangestellten über finanzielle Vorteile aus der Affäre liefern genug Nährboden für neue Verdächtigungen."
"Wie steht es denn mit der Unschuldsvermutung, die auch dort so lange gilt, wie kein Schuldspruch gefallen ist? Diese lange bewährte, zur Menschenwürde gehörende Rechtstradition zerfällt auch bei uns mehr und mehr; auch durch die Rücksichtslosigkeit vor allem der Boulevard-Medien, die sich wenig scheren um Regeln. Dennoch sollte eine Lehre aus dieser traurigen Geschichte lauten: Sind wir alle doch, bitte, vorsichtiger und weniger vorschnell mit unseren (Vor-)Urteilen. Stellen wir lieber erst einmal Fragen - und warten auf eindeutige Antworten."
"Märkische Allgemeine" (Potsdam):
"Der Prozess ist noch nicht vorbei, der Vergewaltigungsvorwurf steht weiter im Raum, aber die Anklage bröckelt, und es ist gut möglich, dass sie ganz in sich zusammenbricht. Das ist kein Ruhmesblatt für die Ermittler, und es wirft ein Schlaglicht auf die fragwürdige Pranger-Praxis im amerikanischen Rechtssystem. Der Unschuldsvermutung spricht so etwas Hohn. Ob Strauss-Kahn nun allerdings gleich durchstarten kann in Richtung Präsidentschaftskandidatur, wie es einige Franzosen offenbar wünschen, ist fraglich. Die Affäre hat Spuren hinterlassen, auch bei ihm, egal wie sie juristisch ausgeht. Pikant ist, dass "DSK" selbst vor jenem "Ereignis" in der New Yorker Hotelsuite über die Möglichkeit einer Sex-Falle gesprochen hat. Hier ist noch viel Stoff für Verschwörungstheoretiker."
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