Es ist ein ungleiches Duell: Auf der einen Seite steht das Gesicht von Nadja Tolokonnikowa, einer jungen Frau mit vollen Lippen, Rehaugen und dunkler Bobfrisur. Ihr Bild könnte vom Titel einer Modezeitschrift stammen und ist nun zum Aushängeschild der russischen Punkband Pussy Riot geworden. Auf der anderen Seite steht das Gesicht von Wladimir Putin, verbissen, sichtlich gealtert, dem die Spuren des ewigen Kampfes um die Macht anzusehen sind wie bei kaum einem anderen Politiker.
Es ist ein Vergleich, der nicht zu gewinnen ist. Und doch hat Russlands Präsident sich auf den Konflikt eingelassen. Russlands Justiz eröffnete ein Strafverfahren gegen Tolokonnikowa und zwei ihrer Mitstreiterinnen, weil sie bei einem Kurzauftritt in einer Kirche gegen Putin agitiert hatten. Und der Staatschef ließ keinen Zweifel daran, dass er hinter dem Prozess steht, als er kurz vor dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft zufrieden verkündete, die Frauen hätten "ihre Lektion gelernt". Ein Fall, der in Deutschland wohl nie vor Gericht gelandet wäre, führte in Moskau zu einem aufsehenerregenden Schauprozess.
Doch welches Urteil auch immer das Gericht am Freitag verkündet, Putin und seine Mannschaft haben den Kampf schon jetzt verloren. Die Wochen, in denen die Frauen erst in Untersuchungshaft saßen und dann vor Gericht, hatten eine verheerende Wirkung. Die intellektuelle Mittelschicht wandte sich fast geschlossen gegen das Verfahren. Musiker und Künstler äußerten ihr Entsetzen über den Eingriff in die Meinungsfreiheit. Und auch jene, die den Auftritt der Musikerinnen selbst für dummes Zeug hielten, waren schockiert über das erbarmungslose Vorgehen der Behörden. Eine harmlose Provokation, die nach zwei Tagen niemanden mehr interessiert hätte, war zu einem Fanal gegen den Kreml geworden.
Schlimmer noch: Die Justiz machte sich lächerlich, als sie Zeugen aufbot, die in gleichlautenden, offenkundig vorgegebenen Texten behaupteten, in ihrem religiösen Empfinden gestört worden zu sein. Eine bessere Unterstützung hätte sich Russlands außerparlamentarische Opposition kaum wünschen können.
Doch warum beging Putin diesen Fehler? Warum ließ sich ein Mann, der mit deutlicher Mehrheit zum Präsidenten gewählt worden ist und das Parlament kontrolliert, von ein paar Frauen in Strumpfmasken aus der Reserve locken?
Der Grund hat viel mit Putins Verständnis von Politik zu tun. Der Präsident hat die Reformbewegung in seinem Land von Anfang an falsch eingeschätzt. Sein Kalkül war, dass eine Mischung aus Versprechen, Machtdemonstrationen und Drohungen ausreichen würde, um dem Widerstand die Spitze zu nehmen. Doch dies erwies sich als gewaltiges Fehlurteil. Die Opposition protestierte auch nach der Präsidentenwahl im März weiter. Sie änderte ihre Methoden, verlegte sich auf kleinere Aktionen und erreichte nicht mehr die gleiche Medienpräsenz wie zu Beginn des Jahres. Doch sie hörte nicht auf, den Kremlchef zu piesacken. Denn hinter den Protesten stehen nicht nur die einschlägigen Berufsoppositionellen, sondern Tausende von Menschen, die sich Korruption, Willkür der Behörden und die Arroganz der Macht nicht mehr gefallen lassen wollen.
Doch Putin reagierte so, wie er oft reagiert, wenn er etwas nicht versteht: mit Härte. Oppositionsführer wie Alexej Nawalny oder Ilja Jaschin werden mit Strafverfahren überzogen, Nichtregierungsorganisationen müssen sich als "ausländische Agenten" brandmarken lassen, wenn sie Spenden aus nichtrussischen Quellen bekommen. Internetsperren für missliebige Seiten sollen erleichtert werden. Und Pussy Riot wird juristisch verfolgt.
All dies aber wird den Widerstand nicht beenden, sondern es wird ihm nur neue Nahrung geben - weil es dessen ureigene Thesen bestätigt. Putins Führung erweist sich in den Augen der wütenden russischen Mittelschicht als genau der Repressionsapparat, den sie auf ihren Straßendemonstrationen angeprangert hatte.
Noch fataler für Putins Mannschaft aber ist, dass sie nun jede Hoffnung begraben muss, dem Zeitgeist zu entsprechen oder ein modernes Bild abzugeben. Noch unter Präsident Dmitri Medwedew versuchte der Kreml, mit iPads und Rockkonzerten einen gewissen Coolnessfaktor zu pflegen und damit junge Menschen an sich zu binden.
Seit dem Prozess gegen Pussy Riot aber ist dieser Versuch endgültig zum Scheitern verurteilt. Die inhaftierte Nadja Tolokonnikowa sagte in ihrem Abschlussplädoyer: "Wir sind freier als all jene Leute, die uns beschuldigen, weil wir alles sagen können, was wir wollen, und auch alles sagen, was wir wollen. Und die Leute, die auf der Gegenseite sitzen, sagen nur das, was ihnen die politische Zensur erlaubt."
Der Widerstand gegen die russische Führung ist zu einem Kulturkampf geworden. Es geht um zwei unterschiedliche Vorstellungen von einem Land. Es geht um die Vision eines offenen, aufgeklärten, reformfähigen Gemeinwesens im Gegensatz zu einem stagnierenden postsowjetischen Geheimdienststaat.
Das Regime in Moskau wirkt jetzt tatsächlich so knöchern und autoritär, wie es von seinen Gegnern stets dargestellt wurde. Putins Machtapparat mag noch die Kontrolle ausüben. Aber den Zugang zu den Menschen, vor allem zu den jungen, hat er längst verloren.