Im Zangengriff: Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow wird bei einer Demonstration in Sankt Petersburg festgenommen
Nur Anatoli Tschubais, der Vater der Massenprivatisierung, hat noch ein bisschen Macht. Er zerlegt gerade den von ihm geführten staatlichen Stromkonzern VES - und baut so wohl auch seinen eigenen Job ab.
Die Krise der russischen Liberalen liegt nicht nur in der staatlichen Gängelung begründet. Zwar werden ihre Auftritte gestört und ihre Parteien drangsaliert, doch würde es ihnen auch ohne derlei Probleme wohl kaum besser gehen.
Männer wie Nemzow oder Jawlinski gelten den meisten Russen als verantwortlich dafür, dass die Wirtschaft in den 90er-Jahren eine Talfahrt erlebte. "Die Liberalen haben Worte wie Markt, Demokratie und Liberalismus völlig diskreditiert", sagte auch Ruslan Grinberg, Direktor des Wirtschaftsinstituts der Russischen Akademie der Wissenschaften. Sie gelten als Symbole eines räuberischen Kapitalismus, in dem einige sehr reich und viele arm wurden. Mit Nemzows Karriere war es vorbei, als die Bankenkrise von 1998 Tausende von Russen über Nacht um ihre Ersparnisse gebracht hatte.
Dass ein Absturz nach dem Ende der heruntergewirtschafteten Sowjetunion kaum zu vermeiden war, ist schwer zu vermitteln, und die einstigen Reformer tun sich schwer damit. "Sie haben in den Leuten immer das Gefühl erweckt, gerade an einem Seminar teilzunehmen", sagte der Psychologieprofessor Wladimir Schkuratow.
Mit Interesse nehmen Gaidar und andere nun zur Kenntnis, dass sich Putins Zögling, der absehbare Präsident
Dmitri Medwedew , als Liberaler präsentiert. "Freiheit ist besser als Unfreiheit", sagte Medwedew Mitte Februar auf einem Wirtschaftsforum in Krasnojarsk. Im Folgenden kündigte der Kandidat an, er werde den Einfluss des Staats zurückschrauben.
Nemzow nennt Medwedew einen "biegsamen" Mann. "Aber immerhin", so der Oppositionelle, "er ist kein KGB-Mann und hat einmal im Privatsektor gearbeitet." Das ist schon viel im neuen Russland.