Beim Klimaschutz-Gipfel geht es nur vordergründig ums Klima - verhandelt wird vor allem über die Verteilung von aktuellem und künftigen Wohlstand. FTD.de zeigt Gewinner und Verlierer der Klimaökonomie in einer Serie
Rede in Kopenhagen:Merkel bittet Welt um Extra-Schritte gegen den Klimawandel
Nur ganz wenig Zeit bleibt den Akteuren in Kopenhagen, den Gipfel vor dem Scheitern zu retten. Am Vorabend des letzten Gipfeltages ruft die Bundeskanzlerin die Teilnehmer zum Entgegenkommen auf: "Wenn jeder ein bisschen mehr beiträgt, können wir es schaffen."
von Reinhard HönighausKopenhagen
und David BöckingBerlin
Kurz nach ihrer Ankunft beim Klimagipfel in Kopenhagen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel noch am Donnerstag die Teilnehmer zum gemeinsamen Handeln aufgerufen. "Wenn jeder ein bisschen mehr beiträgt, können wir es schaffen", sagte sie in ihrer Rede vor den Delegierten. "Ich glaube, dass es gut für uns alle sein kann, wenn jeder noch einen Schritt geht." Deutschland und die Europäische Union seien jedenfalls dazu bereit. Voraussetzung sei, dass sich die Welt verpflichte, bis 2020 die gefährlichen Treibhausgase zumindest um 25 Prozent zu senken.
Merkel unterstrich die Bereitschaft der EU, ihre CO2-Emissionen bis 2020 um 30 statt 20 Prozent zu reduzieren. Voraussetzung sei, dass andere Länder ebenfalls ihr Angebot verbesserten. Angesichts der zähen Verhandlungen hatten sich EU-Vertreter nach FTD-Informationen in den vergangenen Tage darauf vorbereitet, eine Reduktion um höchstens 26 Prozent anzubieten.
Als "sehr wichtigen Schritt nach vorn" lobte Merkel eine Erklärung der USA. Diese bekannten sich erstmals zu dem Ziel, Entwicklungsländern für den Kampf gegen den Klimawandel ab 2020 jährlich 100 Mrd. $ zu zahlen. Die Mittel sollen von den Industriestaaten gemeinsam aufgebracht werden. Von anfänglich deutlich höheren Forderungen waren die afrikanischen Länder am Mittwoch abgerückt.
Angela Merkel hält eine Einigung in Kopenhagen noch für möglich
Allerdings müssten die Empfänger der Hilfen den Umfang ihrer Reduktionen transparent machen, sagte US-Außenministerin Hillary Clinton. Die Überprüfung durch eine unabhängige Organisation gehört zu den Streitpunkten mit Schwellenländern wie China und Brasilien. Beide hatten in der Nacht zu Donnerstag selbst informelle Verhandlungen vorerst abgebrochen und mit einem Scheitern des Treffens gedroht. Sie werfen Dänemark mangelnde Transparenz und geheime Absprachen vor.
Die dänische Ratspräsidentschaft unter Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen zog am Donnerstag die Konsequenzen aus den anhaltenden Konflikten. Man werde keinen eigenen Entwurf für eine Abkommen mehr vorlegen, hieß es. "Wir geben die Verantwortung für die Verhandlungen an die beteiligten Staaten zurück."
Um Zeit zu gewinnen, erwägen die Gastgeber laut einem Bericht der Zeitung "Jyllands-Posten", das am Donnerstagabend geplante Essen von knapp
120 Staats- und Regierungschefs mit Dänemarks Königin Margrethe II. abzusagen. Wie die
Zeitung unter Berufung auf Regierungskreise berichtete, soll das Galaessen auf Schloss Christiansborg gestrichen werden, wenn die "Verhandlungslage dies erfordere" und
Spitzenpolitiker Zeit für weitere Klima-Verhandlungen benötigen sollten.
Klimagipfel
Krawall in Kopenhagener Hippie-Hochburg
In Verhandlungskreisen machten weiter Gerüchte die Runde, laut denen der Inhalt des Abkommens längst feststeht. Demnach wollen sich die Industriestaaten auf eine Reduktion um 24 Prozent bis 2020 einigen, die abzüglich von Schlupflöchern nur noch auf Einsparungen von zehn Prozent hinausläuft. Klimaforscher halten 40 Prozent für notwendig, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern.
Auch der Klimaforscher Hermann Ott glaubt an eine Showveranstaltung. "Der Deal steht schon längst", sagte der Bundestagsabgeordnete der Grünen der FTD. Das habe er von führenden Klimadiplomaten erfahren. "Die tun hier nur noch so, als ob sie verhandeln." Ott rechnet damit, dass die Verhandlungen erst mit einem lauten Knall scheitern, bevor dann in der Schlussphase ein bereits vorbereiteter Entwurf "aus dem Hut gezaubert" werde.
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