Südsudan
"Die Stadt ist heiß", sagt ein kenianischer Geschäftsmann, der nach der Landung in der kleinen Ankunftshalle auf sein Gepäck wartet - und er hat recht im doppelten Sinn. Ein Ventilator verrührt die suppige Luft in dem viel zu engen Raum. Einzeln werden die Gepäckstücke durch ein Loch in der Wand geschubst. Doch draußen ragen Betonsäulen in die Luft - nebenan entsteht ein neues Terminal. Dschuba baut auf die Zukunft - so wie der Unternehmer, der gekommen ist, um Glasfaserkabel zu verlegen.
Vor fünf Jahren soll es in der Garnisonsstadt gerade mal 13 Autos gegeben haben. Noch immer baden auf ungeteerten Nebenstraßen Gänse in riesigen Schlaglöchern, während sich auf den notdürftig sanierten Teerstraßen selbst außerhalb der Stoßzeiten Hunderte Geländewagen stauen. Die wenigen Hotels der Stadt bestehen in der Regel aus auf- oder nebeneinander gestellten Containern, in denen man nachts den Nachbarn schnarchen hört. Dschuba ist eine Baustelle: An jeder zweiten Ecke wird irgendeine blecherne oder steinerne Konstruktion errichtet.
Auf einer Verkehrsinsel ragt eine Digitaluhr in die Höhe, die die verbleibende Zeit bis zur Geburt einer neuen Nation angibt: In 13 Tagen, 312 Stunden oder 18.720 Minuten werden die Südsudanesen entscheiden, ob der größte Flächenstaat des Kontinents geteilt wird. Wie das Votum ausgeht, darüber gibt es keine Zweifel: "The Final Walk to Freedom" verkündet ein Plakat am Straßenrand; "Yes for separation and no for unity", singen Rapper im TV; "End the Shame" steht auf unzähligen T-Shirts, die Dschuba in eine gelbe Stadt verwandeln.
"Wir haben ihnen eine Chance gegeben", sagt Yien Mathew, Sprecher der regierenden Südsudanesischen Volksbefreiungsbewegung. "Hätten sie es attraktiv für uns gemacht, dann wären wir geblieben." Als Präsident
Omar al-Baschir nach Unterzeichnung des Friedensabkommens, das zwei Jahrzehnte Bürgerkrieg beendete, zu seinem ersten Besuch kam, habe er 75 Bauvorhaben versprochen - kein einziges sei verwirklicht worden. Das Verhältnis zwischen den im Norden lebenden islamischen Arabern und den christlichen oder animistischen Afrikanern im Süden ist seit Hunderten Jahren zerrüttet: höchste Zeit, die einstigen Sklavenhändler loszuwerden.
Peter Remy sitzt unter einem Baum auf einem Bettgestell am Nilhafen von Dschuba. Unter freiem Himmel haben sich um ihn herum mehrere Dutzend Kinder, Frauen und Großmütter eingerichtet. Der 40-jährige Ex-Priester kam mit seiner Schwägerin und deren sechs Kindern auf einer Barke aus der Hauptstadt Khartum: 30 Tage hat die Reise gedauert, die ihn sein ganzes Erspartes kostete. Der Katholik wusste, dass es in Khartum für seine Familie keine Zukunft mehr gab: "Sie haben uns immer deutlicher spüren lassen, dass wir nicht länger erwünscht sind."