Wenn früher kleine Flugzeuge im Tiefflug über die Dächer von Ituzaingó Anexo stürzten, liefen die Kinder ihnen aufgeregt hinterher. Anschließend klagten sie über entzündete Augen und einen trockenen Mund. Denn die Flugzeuge versprühten Pestizide auf der Sojaplantage neben dem kleinen Vorort der argentinischen Stadt Córdoba. Die mutmaßlichen Folgen: 193 Krebsfälle wurden seit 2002 unter den 5000 Einwohnern diagnostiziert, die Hälfte der Kranken starb. Das Blut eines Großteils der Kinder ist toxisch belastet. Das Schicksal der Einwohner von Ituzaingó Anexo ist derzeit Gegenstand eines Gerichtsprozesses über die Gesundheitsschäden der Agrochemie, der Signalwirkung für ganz Südamerika haben könnte. An diesem Montag sind die Schlussplädoyers angesetzt, zwei Sojabauern und einem Ex-Piloten drohen Haftstrafen von bis zu zehn Jahren.
Die fragwürdigen Methoden der Schädlingsbekämpfung sind nur eine der Schattenseiten des Sojarauschs, der Argentinien und andere Staaten Südamerikas erfasst hat. Angesichts der dürrebedingten Ernteausfälle in den USA wollen die südamerikanischen Großgrundbesitzer ihre Sojamonokulturen noch weiter ausbauen, denn die weltweite Nachfrage nach dem Tierfutter ist ungebrochen. Brasilien, der zweitgrößte Sojaproduzent der Welt nach den USA, wird voraussichtlich 24 Prozent mehr Soja anbauen als in der vergangenen Saison, der drittgrößte Produzent Argentinien rechnet mit rund 30 Prozent Steigerung und der viertgrößte Produzent Paraguay sogar mit 100 Prozent. Der Markt preist schon ein, dass Südamerika die US-Lücke durch den Umstieg etwa durch die Bepflanzung von Weideflächen schließen wird. Während vor zwei Wochen eine Tonne auf dem Spotmarkt in Chicago für knapp 650 Dollar gehandelt wurde, 31 Prozent mehr als zu Jahresbeginn, werden für Lieferungen im März 2013 nur noch knapp 560 Dollar gezahlt.
Befeuert wird Südamerikas Sojaboom von einer denkwürdigen Allianz aus linker Politik und internationalen Konzernen. "Hier halte ich - und ich muss sagen, ich bin wirklich stolz - einen Prospekt von Monsanto", sagte Argentiniens Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner im Juni auf einer Unternehmerkonferenz in New York und hielt eine Broschüre über neue Gentechnikfabriken in ihrem Land in die Kameras. Denkwürdig ist der Auftritt, da sich der Agrokonzern und Argentinien jahrelang in einem Patentstreit beharkten und weil Vertreter des US-Kapitalismus für die progressiven Regierungen Südamerikas lange als Staatsfeinde galten. Monsantos Vizepräsident für das Lateinamerika-Geschäft, Pablo Vaquero, lobte daraufhin in einem Interview die Unterstützung der Präsidentin. Aber Gensoja ist nicht nur für Saatgut- und Pestizidhersteller wie Monsanto , Syngenta , BASF und Bayer lukrativ, sondern auch für die Regierungen. Neben dem Devisenzufluss profitieren sie von Abgaben. Beispiel Argentinien: Rund 8,9 Mrd. Dollar fließen 2012 voraussichtlich durch eine Exportgewinnsteuer in die Staatskasse.
Die linken Regierungen Südamerikas stecken die Erlöse in Sozialfonds und legitimieren so gesellschaftlich auch die Agrochemie, der sie einst vorgeworfen hatten, die kleinteilige Landwirtschaft zu zerstören. Die Industrie kann mit den Linksregierungen inzwischen besser leben als zuvor mit den Konservativen.
Die Bauern profitieren davon: Nach Berechnungen des Nationalen Instituts für Landwirtschaftstechnologie, INTA, in Argentinien kann ein Sojabauer mit nur 100 Hektar Land bei einem Preis von 500 Dollar pro Tonne auf einen Nettoertrag von rund 80.000 Dollar kommen. "Und der Sojakönig hat nichts zu tun, er sitzt zuhause und trinkt Kaffee", schimpft ein INTA-Experte. Denn der großflächige Anbau von Gensoja ist nicht arbeitsintensiv. Im Schnitt benötigt eine Gensoja-Plantage nur einen Mitarbeiter pro 500 Hektar.
Experten von INTA warnen im Gespräch mit der FTD zudem vor den Folgen der Monokultur, die in Argentinien mehr als die Hälfte der Anbaufläche überzieht. Die hohe Rendite führe zu unkontrollierten Waldrodungen, Weideland werde aufgegeben. Das Fehlen von Rotation lauge die Böden aus. "Die weltbesten Böden und die Zukunft unserer Nahrungsmittelversorgung werden so zerstört", sagt der Experte. Zudem werde das Grundwasser mit sechs bis acht Kilogramm an Pestiziden pro Hektar im Jahr belastet. Das vor allem von Monsanto gelieferte Saatgut ist auf die Resistenz gegen Pestizide hin entwickelt worden. Aber der Einsatz der Pflanzenschutzmittel sei nicht zu kontrollieren, sagt der Experte. "Es gibt im Augenblick zu viele Sojagewinner."