Theoretisch könnten sie unendlich wuchern. Doch immer mehr Riesenstädte leiden unter ihrer Anziehungskraft. Sie stehen sich selbst im Weg - und ihren Bürgern. In einer sechsteiligen Serie werden die Wachstumsschmerzen der größten Städte der Erde beschrieben.
Je zäher der Verkehr in São Paulo fließt, desto besser für das brasilianische Unternehmen Colt Aviation: Dann brummt das Geschäft. "Lufttaxi" heißt der Hubschrauberservice, den der Privatjetverleiher in der Metropole anbietet, in deren Ballungsraum fast 20 Millionen Menschen leben. "Weil die Stadt so groß ist und der Verkehr so dicht, rufen manche bei uns jeden Tag an", sagt Adnan Rahal von Colt Aviation. "Wenn der Geschäftsführer so 15 Minuten statt zwei Stunden zur Arbeit braucht, dann lohnt sich das für ihn, auch wenn er 300 Dollar für eine Kurzstrecke im Helikopter bezahlen muss."
São Paulo, Brasiliens wichtigstes Wirtschaftszentrum, stößt an seine Grenzen. Der öffentliche Nahverkehr kann die Massen nicht bewältigen, auch wenn das Netz aus inzwischen neun Metro- und über 1300 Buslinien ständig erweitert wird. Durchschnittlich quetschen sich elf Passagiere auf einen Quadratmeter. Damit sind São Paulos S- und U-Bahnen die überfülltesten der Welt. Mit der übrigen Infrastruktur sieht es nicht viel besser aus. Regelmäßig bricht das Stromnetz unter der Last der Verbraucher zusammen, sodass das Wort Blackout als "Blecaute" bereits seinen Eingang in die Sprache gefunden hat. Die Stadt ist einfach zu groß.
"Viele Megacitys haben heute ihr wirtschaftliches Potenzial fast ausgeschöpft und erleben langsameres Wachstum", sagt Philipp Rode vom Stadtforschungsprogramm an der London School of Economics. Als Megacity werden Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern bezeichnet. In vielen von ihnen scheinen die Nachteile der Größe die Vorteile inzwischen zu überwiegen.
Städte gelten seit jeher als Treiber des Wachstums. In ihnen kommen Menschen, Ideen und Ressourcen zusammen, hier entsteht Neues. Gleichzeitig ist für Produkte und Dienstleistungen ein aufnahmebereiter Markt vorhanden. Sogenannte Skaleneffekte ermöglichen es, Waren dort günstiger anzubieten, wo die Nachfrage groß ist. Deshalb übertrifft das durchschnittliche Wachstum einer Stadt meist das des Landes, in der sie liegt.
Doch nur noch für wenige Megacitys ist dies der Fall, wie der Thinktank McKinsey Global Institute vergangenes Jahr in einer Studie feststellte. Während etwa New York, Schanghai, Manila oder Moskau noch deutlich schneller als ihre Heimatländer wachsen, entwickeln sich São Paulo, Delhi, Paris oder Peking inzwischen unterdurchschnittlich. Wachstumstreiber werden zum Großteil Städte mit weniger als zehn Millionen Einwohnern sein, stellt die Studie abschließend fest.
Theoretisch gibt es keine Grenze, von der an eine Stadt so groß ist, dass sie sich selbst im Weg steht. Praktisch allerdings schon. Jeffrey Kenworthy, der an der australischen Universität Curtin zur Nachhaltigkeit von Städten forscht, nennt eine: "Der entscheidende Faktor ist die Stadtplanung. Wenn man die nicht gut macht, dann ist das in einer Großstadt ein Problem und in einer Megacity eine Katastrophe." Je weniger Gestaltungsraum der Bürgermeister hat, etwa weil ihm Macht, eigene Finanzmittel oder effiziente Behörden fehlen, desto früher erstickt eine Stadt an sich selbst.
"Die Stadtverwaltung ist die Krux von São Paulo", sagt Philipp Rode, der das Stadtforschungsprogramm an der London School of Economics leitet. "Sie deckt nur zwölf Millionen Einwohner ab, obwohl 20 Millionen dort leben." Die übrigen acht Millionen Menschen sind auf über 37 Gemeinden verteilt, die jeweils ihrer örtlichen Behörde unterstellt sind. Und dann mischt auch noch die Regierung des Bundeslands São Paulo mit. Dementsprechend gleicht die Infrastruktur der Stadt einem Flickenteppich. Ähnlich sieht es häufig auch in indischen Größtstädten aus, in denen die lokalen Behörden wenig Geld und Macht haben und die Länderregierungen das Sagen.
Das planverliebte China hat da einen Vorteil. "Die Chinesen können nicht nur planen, sondern ihre Pläne auch umsetzen", sagt Kenworthy, "sie bauen Megacitys aus dem Nichts und das in Rekordgeschwindigkeit." Städte entstehen am Reißbrett. Von vornherein wird ihre Infrastruktur für den Bedarf von Millionen ausgelegt. Wahrscheinlich werden in zehn Jahren Megacitys, deren Namen man heute noch nicht einmal kennt, zu den größten und erfolgreichsten der Welt gehören.
In São Paulo versucht man unterdessen, aus dem Bestehenden das Beste zu machen, und baut Schritt für Schritt weiter den öffentlichen Nahverkehr aus. Doch noch braucht sich Colt Aviation keine Sorgen zu machen. Der Transportservice über dem Stau boomt. Inzwischen hätten knapp zwei Dutzend Unternehmen eine "Lufttaxiflotte", sagt Adnan Rahal. In keiner Stadt der Welt gibt es mehr Hubschrauber als in São Paulo. Längst sind sie kein Reichenspielzeug mehr. Auch wenn ein Unternehmen dringend einen Informatiker oder Elektriker brauche, erzählt Rahal, klingelt sein Telefon, damit der Spezialist nicht Stunden zum Einsatz braucht.