Solche Bilder schienen in Südafrika längst der Vergangenheit anzugehören: Weiße Polizisten mit automatischen Waffen stehen dunkelhäutigen Demonstranten gegenüber, die Macheten und Speere schwingen. Die protestierenden Arbeiter der Platinmine des britischen Konzerns Lonmin singen Lieder, tanzen schwere Kriegstanzschritte und schlagen in einem monotonen Rhythmus ihre traditionellen Waffen gegeneinander. Nervös folgen die Polizisten einem sich immer bedrohlicher nähernden Scharmützel der Demonstrantentruppe.
Plötzlich fällt ein Schuss, ob aus den Reihen der Polizei oder der Demonstranten ist nicht auszumachen. Es folgt ein Trommelfeuer aus den automatischen Gewehren der Ordnungshüter, das fast eine Minute lang anhält und erst beim Schrei des eines Offiziers "cease fire!" wieder zum Schweigen kommt.
Als sich der von fliehenden Demonstranten aufgewirbelte Staub verzogen hat, liegen auf dem trockenen Boden Dutzende von leblosen Körpern: Mindestens 34 Personen, wird die Polizei am nächsten Tag mitteilen, seien an Ort und Stelle gestorben, 78 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert.
"So etwas haben wir seit den Massakern der Apartheidspolizei 1960 in Sharpeville und dem Schüleraufstand in Soweto 1976 nicht mehr gesehen", tobt ein Politiker der oppositionellen Splitterpartei Azapo: Was sich am Donnerstagnachmittag auf einem Hügel nahe der Platinmine Marikana, rund 10 Kilometer nordwestlich von Johannesburg, abspielte, löst in Südafrika ungläubiges Entsetzen aus. Keiner der Proteste, von denen das Kap der Guten Hoffnung auch seit dem politischen Umbruch im Jahr 1994 immer wieder erschüttert wird, endete in einem Blutbad solchen Ausmaßes: Selbst die weiße Oppositionsführerin Hellen Zille spricht von einem "Massaker".
Die Eskalation kam keineswegs ohne Vorwarnung. Bereits seit einer Woche stehen sich in der Umgebung der Platinmine des Unternehmens Lonmin Polizei und streikende Kumpel gegenüber. Die Operateure der in mehreren 100 Metern Tiefe eingesetzten Bohrmaschinen fordern eine Erhöhung ihres Gehalts von derzeit monatlich rund 400 Euro auf mindestens 1200 Euro. Eine Forderung, der sich nicht einmal die Minengewerkschaft NUM anschließen wollte: Deren Funktionäre bezeichneten die Aktion der Bergleute von vornherein als "wilden Streik".
Schon Ende vergangener Woche kommt es in Marikana zum ersten blutigen Zusammenstoß, als die streikenden Kumpels zwei Sicherheitsleute der Platinmine töten. Auch Grubenarbeiter, die sich dem Arbeitsausstand nicht anschließen wollen, werden zur Zielscheibe von Repressalien. Schließlich geraten die zu Hilfe gerufenen staatlichen Sicherheitskräfte mit den wütenden Kumpels aneinander: Außer sechs Bergleuten und zwei Wachmännern werden am Montag auch zwei Polizisten umgebracht. Den Demonstranten seien mehrere Schusswaffen der Ordnungshüter in die Hände gefallen, sagt die Polizei.
"Was hätten wir denn anderes tun sollen?", rechtfertigt sich Polizeiminister Nathi Mthetwa nach dem Blutbad vom Donnerstag: Seine Spezialtruppen hätten die Kumpel zur Abgabe ihrer Waffen aufgefordert, seien dann aber selbst unter Beschuss geraten. Die Sicherheitskräfte werden sogar vom Chef der Minengewerkschaft NUM in Schutz genommen: "Die Polizei tat alles, was sie konnte", sagt NUM-Generalsekretär Frans Baleni. "Doch diese Leute waren bewaffnet."
"Diese Leute" sind Grubenarbeiter, die sich von der traditionsreichen 25 Jahre alten Minengewerkschaft immer schlechter vertreten fühlen. Sie werfen den gutgestellten NUM-Funktionären vor, sich inzwischen besser mit den "Bossen" als mit ihren Genossen zu verstehen: "Die Gewerkschaften haben den Draht zu ihren einfachen Genossen verloren", weiß der Johannesburger Politologe Steven Friedman.
Hinzu kommt, dass die mit dem regierenden ANC verbündeten Arbeitnehmervertreter auch im parteiinternen Machtkampf der tief zerstrittenen Organisation Nelson Mandelas aufgerieben werden: Zahlreiche führende Gewerkschafter stehen noch immer hinter dem Präsidenten Jacob Zuma, dem sie einst ins Amt verholfen haben.
Andere sind des ineffektiven und korruptionsverdächtigten Regierungsstil des visionslosen Staatschefs überdrüssig. "Wir haben den ANC zu dem gemacht, was er ist, aber die haben keine Zeit für uns", schimpft ein ehemaliges NUM-Mitglied, der sich der neugegründeten Vereinigung von Minenarbeitern und Baugewerkschaft (AMCU) angeschlossen hat: "Für uns hat sich nichts geändert, nur die Leute über uns. Und die kriegen nur immer mehr Geld."
AMCU ist nicht die erste radikale Arbeitnehmervertretung, die sich von den traditionellen Gewerkschaften abgespalten hat: Im Haus des Gewerkschaftsbundes Cosatu steht das Barometer auf Sturm.
Die Unzufriedenheit des ärmeren Großteils der Bevölkerung nehme besorgniserregende Ausmaße an, warnen zahlreiche Politologen am Kap der Guten Hoffnung: Die Kluft zwischen der zwar um etliche schwarze Gesichter bereicherten Elite des Landes und den arbeitslosen oder schlecht bezahlten Massen vergrößert sich täglich. Auch wird den Minengesellschaften vorgeworfen, ihre Versprechen zur Verbesserung des Lebensstandards ihrer Angestellten partout nicht einzuhalten.
"Wir stellen zunehmend Wut und Verzweiflung gegenüber den Minengesellschaften und der Regierung fest", sagt John Capel von der Bench-Mark-Stiftung, die ihr Augenmerk auf die Bevölkerung in den Minengebieten gerichtet hat: "Wir warnen schon seit Jahren vor derartigen Revolten."
Die Minenbetreiber selbst verweisen auf steigende Produktionskosten und fallende Preise: Die Bergwerke müssen immer tiefer gehen, der Strom wird teurer und die Lohnforderungen höher. Lonmin, der als drittgrößter Platinproduzent der Welt zwölf Prozent des globalen Bedarfs fördert, musste bereits vor einer Woche seinen Betrieb in Marikana einstellen, wo 97 Prozent seiner Platinproduktion gewonnen wird. Die Aktien des einst von dem Hamburger Geschäftsmann Tiny Rowlands gegründeten Unternehmens stürzten um zwölf Prozent in die Tiefe: Dass der Platin-Preis wegen des Produktionsausfalls um zwei Prozent stieg, ist nur ein schwacher Trost.
Präsident Jacob Zuma eilte am Freitag vom Gipfeltreffen des regionalen Staatenbundes SADC in Mozambik überstürzt in den heimatlichen Krisenherd nach Marikana: Dort meint die Polizei, die Situation "in den Griff" bekommen zu haben. Fast 300 Personen wurden festgenommen; der Hügel, auf dem sich die Kumpels mehrere Tage lang verschanzt hatten, mit Stacheldraht abgesperrt. Jetzt gilt die Jagd den Chefs der radikalen neuen AMCU-Gewerkschaft, deren Verhaftung auch die mit dem ANC liierte Kommunistische Partei verlangt. Eine Antwort wie aus dem Handbuch für Stalinisten: "Bis der Deckel dann woanders in die Höhe fliegt", sagt Politologe Friedman.