Die plötzliche Senkung hat in tschechischen Medien und unter Energieexperten Spekulationen über eine russische Strafaktion wegen des Abkommens mit den USA ausgelöst. Prag und Washington hatten sich vergangene Woche auf den Bau einer US-Radarstation in Tschechien geeinigt. Das Radar ist ein Teil des von den USA in Osteuropa geplanten Raketenabwehrsystems, das von Moskau strikt abgelehnt wird. Die zeitliche Nähe der Lieferreduzierung zur Unterzeichnung des Vertrags nähren den Verdacht, dass Russland Prag für die Kooperation mit den USA bestrafen will.
Die tschechische Regierung weist diese Spekulationen bislang jedoch zurück. "Wir haben die russische Seite um eine Erklärung gebeten, aber wir gehen nicht von politischen Hintergründen aus", sagte der Sprecher des Prager Wirtschaftsministeriums, Tomas Bartovsky, der FTD. Eine spürbare Abnahme der gelieferten Ölmenge in den Sommermonaten sei schon in der Vergangenheit zu beobachten gewesen. "Zwischen 2002 und 2004 ist das jedes Jahr passiert, ohne dass es politische Hintergründe gegeben hätte. Außerdem liefert uns die russische Seite derzeit weiterhin die vertraglich vereinbarte Menge Erdgas - wenn es sich um eine Racheaktion handeln würde, dann müsste man ja auch diese Lieferungen einschränken", sagte Bartovsky.
Röhre sehr alt
Das russische Öl wird über die Druschba-Pipeline nach Tschechien gepumpt. Wegen des hohen Alters der Röhre könnten auch technische Gründe hinter dem Lieferengpass stecken, sagen Experten.
Seit Moskau aber im vergangenen Jahr wegen eines Preisstreits die Öllieferungen nach Weißrussland für mehrere Tage komplett gesperrt hatte, herrschen in der EU Zweifel an der Zuverlässigkeit Russlands als Öllieferant. Immer wieder werden Befürchtungen laut, dass Moskau seine Energierohstoffe als politisches Druckmittel missbrauchen könnte.
Trotz der offiziellen Beschwichtigungen ist deshalb auch in Prag Nervosität spürbar. In politischen Kreisen hieß es, dass am Montag eine Delegation des Wirtschaftsministeriums bei der russischen Botschaft vorsprechen wolle. Außerdem werde es gegen Ende der Woche ein Spitzentreffen zwischen dem Ministerium und Vertretern der tschechischen Mineralölwirtschaft geben.
Schon in den vergangenen Wochen wurden zudem Pläne bekannt, mit denen Tschechien seine Abhängigkeit von russischem Öl mindern will. Eine tragende Rolle dabei spielt die Ölpipeline, die vom Mittelmeerhafen Triest über das deutsche Ingolstadt bis nach Prag führt. Ihre Kapazität soll nun von etwa 9,5 Millionen Tonnen pro Jahr auf 11,5 Millionen Tonnen erhöht werden. Der Transport über diese Leitung ist zwar teurer als über die Druschba-Leitung. "Aber jede Versicherung kostet nunmal Geld", sagte Tschechiens Wirtschaftsminister Martin Riman.