Spätestens seit in den Steakrestaurants von Buenos Aires immer mehr spanische Kellnerinnen die Bestellungen aufnehmen, verschiebt sich bei vielen Argentiniern das Weltbild. Das gilt auch für die Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner, die mit der Enteignung einer Tochterfirma des spanischen Energiekonzerns Repsol die Europäer gegen sich aufgebracht hat. Dem Vorwurf ihrer Kritiker, sie treibe das Land in die internationale Isolation, hielt sie nun entgegen: "Es ist nicht so, dass wir aus der Welt gefallen wären, die Welt ist um uns herum zusammengebrochen."
Nicht nur in Argentinien, auch beim Nachbarn Brasilien wächst das Selbstbewusstsein mit jeder schlechten Nachricht aus der Euro-Zone - Präsidentin Dilma Rousseff verkneift sich allerdings die Schadenfreude. Sie nutzt die Schwäche Europas lieber, um ihrer Forderung nach mehr Kontrolle im Internationalen Währungsfonds Ausdruck zu verleihen.
Mit der einsetzenden Rezession daheim sind die spanischen und portugiesischen Konzerne mehr denn je auf die sprudelnden Gewinne in Lateinamerika angewiesen. Erst am Freitag verkündete der ehemalige spanische Telekommonopolist Telefónica , dass er in den ersten Monaten dieses Jahres mehr Erlöse in Lateinamerika erwirtschaftet habe als zu Hause. Damit schrumpft der diplomatische Spielraum der Regierungen in Madrid und Lissabon, die den ehemaligen Kolonien einst die Spielregeln vorgaben.
Zwar reagierte Spanien erbost auf die Enteignung der Repsol-Tochter, doch die Unternehmen in Madrid mahnen längst zu diplomatischer Zurückhaltung. Sie fürchten weitere Schikanen Argentiniens, das zuletzt die Einfuhr von spanischem Schinken einschränkte. Auf die Unterstützung der lateinamerikanischen Nachbarländer kann Spanien in diesem Konflikt nicht setzen: Brasilien zum Beispiel hat es vorgezogen, die Enteignung der Repsol-Tochter nicht zu kommentieren.
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Der spanische Politologe José Antonio Sanahuja sieht in all dem die Signale einer tiefer greifenden Umkehr der Beziehungen. Die Krise habe die EU als konkurrenzfähiges Wirtschaftsmodell, als politisches Vorbild und Modell für soziale Integration verloren, schreibt Sanahuja in einer Analyse für die Friedrich-Ebert-Stiftung. "Es ist nicht mehr die EU, die die Lösungen liefert. Ganz im Gegenteil wird die EU als Verursacher und Quelle der Probleme der Region betrachtet." Beschleunigt werde diese Entwicklung vom zunehmenden Einfluss Chinas in Lateinamerika und dem Erfolg linksgerichteter politischer Eliten von Buenos Aires bis Caracas, für die Europa kein politischer Bezugspunkt mehr ist. Schon jetzt ist China der wichtigste Importeur von Waren aus Brasilien und Chile. Nach der jüngsten Prognose der Uno-Organisation Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Eclac) dürfte das Land die EU in wenigen Jahren als zweitwichtigster Handelspartner der Region (nach den USA) ablösen.
"Die Gewichte haben sich verschoben", sagt auch Eduardo Pastrana, Direktor des Instituts für Internationale Beziehungen an der Universität Javeriana in Bogotá. Die lateinamerikanische Elite sehe ihre wirtschaftlichen Erfolge nach der Überwindung der eigenen Finanzkrisen als Vorbild für das darbende Europa. Moisés Naím, der frühere Planungsminister Venezuelas, sagte jüngst nach einem Besuch in Brüssel: "Das Beste, was Europa passieren kann, ist, sich dem heutigen Lateinamerika anzugleichen."
In Brasilien erinnert man sich noch gut daran, wie das Land in der Finanzkrise ab 1998 um Hilfsprogramme des IWF betteln musste. Um so größer war die Genugtuung bei Präsidentin Rousseff, als IWF-Chefin Christine Lagarde sie im Dezember um Geld für Europa bat. Eine Zusage macht Rousseff nun von einer Erhöhung des Stimmenanteils der Schwellenländer im IWF abhängig.
Im Gegensatz zu Kirchner hat sich Rousseff jedoch nicht mit dem ehemaligen Kolonialherrn Portugal angelegt, sondern im Gegenteil Lissabon großzügig Hilfe in Aussicht gestellt - durch den vorzeitigen Rückkauf brasilianischer Anleihen und den Kauf portugiesischer Anleihen. Damit will sie wohl ein freundliches Willkommensklima für brasilianische Unternehmen schaffen, die in Portugal längst auf Einkaufstour sind - um von dort aus Europa zu erobern.
It´s actually "einmarschieren".