| Benjamin Jensen ist Dozent an der American University in Washington. |
Die Geburt eines Staats ist eine blutige Angelegenheit. Hinter der Fanfare der Selbstbestimmung, die in neuen Nationen wie dem Kosovo und dem Südsudan ertönt, stehen Sezessionskriege und uralter ethnischer und religiöser Groll. Nun findet sich Syrien am Rande eines ähnlichen Abgrunds wieder. Je länger der Konflikt dauert, desto wahrscheinlicher wird eine separatistische alawitische Enklave.
Während in Damaskus immer mehr Menschen überlaufen, muss sich die Völkergemeinschaft auf das Worst-Case-Szenario vorbereiten - einen Bürgerkrieg, der die Landkarte des Nahen Ostens verändert. Dass es den Truppen von Baschar al-Assad nicht gelingt, vorwiegend sunnitische Regionen zu halten, deutet ebenso wie die jüngsten Massaker auf eine Zersplitterung Syriens hin. Tremseh, Rastan und Hula - Orte, in denen es Massentötungen gab - liegen alle am Rand des alawitischen Korridors, der sich quer durch Syrien bis zur Türkei erstreckt und wo viele Alawiten und arabische Christen leben.
Um die Logik hinter der Gewalt zu begreifen, muss man sich die Geschichte des alawitischen Separatismus ansehen. Diese reicht weit zurück: Nach dem Ersten Weltkrieg teilten die Franzosen Syrien in ethnische und religiöse Territorien auf, darunter einen Alawitenstaat entlang der Mittelmeerküste, in dem vor allem ländliche Mitglieder der schiitischen Sekte lebten. Viele Jahre lang war dieser Alawitenstaat administrativ von Syrien getrennt. Nur wenige Alawiten beteiligten sich am Aufstand von 1925 bis 1927, die meisten dienten in Spezialeinheiten des französischen Militärs. 1936 lenkten die Franzosen gegenüber den arabischen Nationalisten ein, der Alawitenstaat wurde in Syrien eingegliedert.
Doch die Alawiten blieben misstrauisch gegenüber der sunnitischen Mehrheit und strömten in die Sicherheitsdienste des Landes. Dass sie im Militär so überrepräsentiert waren, nutzten die Alawiten 1963 nach der Unabhängigkeit für einen Staatsstreich. Angeführt wurde er von Baschars Vater: Hafis al-Assad. Massaker entlang der religiösen Bruchlinien, die Alawitendörfer von anderen syrischen Gemeinden trennen, scheinen vor diesem Hintergrund darauf hinzudeuten, dass das derzeitige Regime und seine Verbündeten einen "Plan B" vorbereiten. Die Freie Syrische Armee wird stärker. Die Rebellen sind zwar größtenteils unkoordiniert, trotzdem bedrohen sie Assads Macht.
Der Präsident hat jedoch die Zeit und die Geografie auf seiner Seite. Selbst wenn Damaskus fällt, ist er nicht am Ende. Solange China und Russland die Vereinten Nationen blockieren, kann er sicher sein, dass der Westen nicht großflächig militärisch eingreifen wird. Solange sein Regime die Kontrolle über die Depots mit chemischen und biologischen Waffen hat, ist auch die Wahrscheinlichkeit eines israelischen Militärschlags gering.
Eine Wiederbelebung des Alawitenstaats wäre aus mehreren Gründen eine Katastrophe. Erstens entstünde ein schwer bewaffneter Schurkenstaat, ein Satellit des Iran. Zweitens könnte die Region ebenso wie andere schwer bewaffnete und nicht anerkannte Staaten wie Abchasien und Südossetien zur Anlaufstelle für Kriminelle und Terroristen werden. Drittens würde der neue "Staat" wie ein Katalysator den Konflikt tiefer in den nördlichen Libanon und in die Türkei hineintragen. Dort leben rund eine halbe Million arabische Alawiten und etwa 20 Millionen türkische Aleviten.
Viertens würde sich Israel nach einem Zerfall Syriens gleich zwei feindlich gesinnten Regimen gegenübersehen. Beide könnten chemische Waffen besitzen - und Raketen, die Tel Aviv erreichen. Fünftens wäre ein Alawitenstaat ein gefährlicher Präzedenzfall für separatistische Gruppen wie die Kurden. Die Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten im Irak könnte aufleben. Dort unterstützt Ministerpräsident al-Maliki den Iran und Assad.
Die Völkergemeinschaft sollte sich daher der Risiken bewusst sein, die eine Zersplitterung Syriens mit sich brächte. Jedes Eingreifen, ob diplomatisch oder militärisch, könnte Syrien spalten und zum Entstehen eines alawitischen Schurkenstaats führen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass ein solches Szenario zu dauerhaftem Frieden im Nahen Osten beiträgt. Eher muss man sich die Frage stellen, welche Dunkelheit auf ein Syrien nach Assad wartet.
Immerhin wollten doch die Alawiten gar nicht unter das Joch der Sunniten, sondern wurden von den Franzosen 1936 verschachert, die haben dann aber einfach den Spieß umgedreht. Die Konflikte im Iran, Irak oder Syrien sind letztendlich Resultate kolonialer Politik und das man den Kurden - bis heute - einen eigenen Staat verweigert, ist schon unglaublich.