Kein Land will angesichts zweistelliger Preisanstiege auf dem Weltmarkt für Agrarrohstoffe zum Opfer des um sich greifenden Festungsdenkens werden. Rund ein Dutzend Länder hat mit Exportbeschränkungen für Agrarrohstoffe wie Reis und Weizen auf die Agrarkrise reagiert. Sie greifen zu dieser Schutzmaßnahme, um die eigene Versorgung zu sichern oder den auf hochpreisige Importe zurückgehenden Inflationsauftrieb zu stoppen. Solche protektionistischen Schutzwälle der Exportnationen versuchen Regierungen nun mit bilateralen Abmachungen zu umgehen.
Jüngstes Beispiel sind Verhandlungen zwischen Libyen und der Ukraine. Kiew hatte seine Getreideausfuhren im März und April zeitweise limitiert. Nun sagte Präsident Viktor Juschtschenko dem nordafrikanischen Land zu, es könne auf einer Fläche von rund 100.000 Hektar in der Ukraine Weizen anbauen. Im Gegenzug soll die Ukraine im libyschen Bau- und Gasgeschäft berücksichtigt werden.
Möglicherweise will Libyens Revolutionsführer Muammar Gaddafi ähnliches mit Russlands Präsident Wladimir Putin vereinbaren, der ihn am Donnerstag besucht. Denn auch Moskau belegt seine Getreideausfuhren derzeit mit hohen Ausfuhrzöllen.
Die Regierungen in Damaskus und Kairo haben ein Tauschgeschäft erneuert, bei dem Ägypten sich im Gegenzug für heimischen Reis syrische Weizenlieferungen sichert. Eine ähnliche Vereinbarung gab es schon 2006.
Ägypten gehört unter den Entwicklungsländern zu den Nettoimporteuren von Lebensmitteln und hatte wegen des horrenden Preisanstiegs bereits mit internen Protesten zu kämpfen. Kairo will deshalb auch dringend seine Beziehungen zu Brasilien intensivieren, einem Nettoagrarexporteur vor allem von Getreide, Soja und Zuckerrohr.
Bilaterale Handelsabkommen auf dem Vormarsch
Auch die Philippinen, wo Reislagerhäuser von Sicherheitskräften vor Plünderungen geschützt wurden, bemühten sich um eine Großlieferung von Getreide aus Vietnam, dem nach Thailand zweitgrößten Exporteur von Reis. Die Führung in Hanoi hat allerdings Reisverkäufe bis Juni auf Eis gelegt.
"Bilaterale Handelsabkommen sind auf dem Vormarsch", sagte der Handelsexperte der Welternährungsorganisation FAO Abdulreza Abbassian. "Die Länder wollen sich mit bilateralen Handelsabkommen vor möglichen Lebensmittelengpässen absichern." Agroökonomen machen einen neuen Trend aus, der jedoch dem Gedanken des Freihandels zuwider läuft, in dem etwa Weltbankchef Robert Zoellick ein Mittel gegen Verknappung sieht. "In einer Situation, in der wir mehr Freihandel gebrauchen könnten, nimmt der Protektionismus zu", sagte Joachim von Braun vom International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington.