Die Reaktionen sind überwältigend. Hunderte legen Blumen vor ihrem Wohnhaus nieder, Politiker weltweit äußern ihre Trauer. Und selbst die kremltreue Führung der Kaukasusrepublik Tschetschenien zeigt sich bestürzt über den Tod ihrer größten Kritikerin.
Denn Politkowskaja hatte ein Thema, das sie berühmt machte. In unzähligen Reportagen und mehreren Büchern widmete sie sich dem oft vergessenen Krieg in Tschetschenien. Sie reiste selbst - oft undercover - in den Kaukasus. In ihren Texten deckte sie Grausamkeiten auf beiden Seiten auf - sowohl bei den russischen Militärs als auch bei den tschetschenischen Separatisten. Während der Geiselnahme im Moskauer Theater Nordost war sie eine der wenigen, die zu Verhandlungen in das Gebäude gelassen wurde. Die tschetschenischen Terroristen bezeichneten sie als vertrauenswürdig.
Ihre Kommentare waren stets von fast verletzender Schärfe, ihr Ton in der Öffentlichkeit hatte zuweilen etwas Missionarisches. In ihrem Buch "Putins Russland", das im Jahr 2004 erschien, ging sie auf eine Weise mit der Politik des russischen Präsidenten ins Gericht, die nicht mehr um Objektivität bemüht war. "Es gibt überhaupt keinen Grund, das System Putin demokratisch zu nennen", sagte sie einmal in einem Interview. "Für mich ist das eine autoritäre und korrupte Oligarchie."
Für ihre Arbeit bekam die Journalistin viele Auszeichnungen. 2004 erhielt sie den Olof-Palme-Preis für ihre Verdienste um die Menschenrechte. Ein Jahr später bekam sie für ihre Tschetschenien-Berichte den Leipziger Medienpreis.
Für die Mitglieder von Politkowskajas Redaktion, die selbst die Hintergründe ihrer Ermordung recherchieren wollen, gibt es keinen Zweifel, dass es ihre journalistische Arbeit war, die die Kollegin das Leben kostete. In einer Sonderausgabe druckte die "Nowaja Gaseta" Dutzende von Textanfängen aus Politkowskajas Arbeit und fragte darüber in dicken Buchstaben: "Wegen welchen Artikels?"
Der kremlkritische Duma-Abgeordnete Wladimir Ryschkow spricht sogar von einem "zu 100 Prozent politischen Mord". Sergej Kowaljow, der frühere Menschenrechtsbeauftragte des russischen Präsidenten, nannte die Journalistin in einer ersten Reaktion einen "unbequemen" Menschen, der selbst für Gleichgesinnte oft unangenehme Wahrheiten ausgesprochen habe. "Sie haben eine unbequeme Frau umgebracht", sagt Kowaljow. "Wir sollten uns schämen."
Unter allen Stimmen, die sich am Wochenende zum Tod Politkowskajas äußerten, blieb eine stumm. Aus dem Kreml kam bis Sonntagabend kein Wort.
Getötete Journalisten Wladislaw Listjew Der damalige Generaldirektor und Anchorman des russischen Fernsehsenders ORT wurde 1995 offenbar von einem Auftragsmörder erschossen.
Paul Klebnikov Der Chefredakteur der russischen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins "Forbes" wurde 2004 erschossen. Der US-Amerikaner russischer Herkunft hatte sich mit den kriminellen Ursprüngen russischer Oligarchen beschäftigt.