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  FTD-Serie: Die Top-Ökonomen

Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.

Merken   Drucken   14.11.2012, 13:39 Schriftgröße: AAA

Top-Ökonomen: Bradford DeLong - Warum wir uns erinnern sollten

Kommentar Die Finanzkrise ist das Thema unserer Zeit. Jeden Tag hört und liest man von einer neuen Pleite, höheren Schulden und sinkendem Wachstum. Es gibt aber Momente, in denen andere Dinge wichtiger sind - 70 Jahre nach dem Kampf um Stalingrad.
von J. Bradford Delong

J. Bradford DeLong ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of California in Berkeley und Forschungsmitarbeiter in der nationalen Behörde für Wirtschaftsforschung. Er ist ehemaliger Staatssekretär im US-Finanzministerium.


Wir sind keine neu erschaffenen, unschuldigen, rationalen und vernünftigen Wesen. Wir wurden in keinem unbefleckten Paradies unter einer neuen Sonne frisch geboren. Nein, wir sind das Ergebnis von Hunderten Millionen Jahren kurzsichtiger Evolution und Tausenden von Jahren Geschichte. Durch unsere Vergangenheit haben wir Instinkte, Neigungen, gedankliche Gewohnheiten, Interaktionsmustern und materiellen Ressourcen angehäuft.

James Bradford DeLong   James Bradford DeLong

Auf dieser historischen Grundlage haben wir unsere Zivilisation erbaut. Ohne unsere Geschichte wäre unsere Arbeit nicht nur sinnlos, sie wäre gar unmöglich.

Da sind die Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Die furchtbaren Verbrechen. Die unglaublichen Verbrechen. Unsere Geschichte hat uns im Griff wie ein Alptraum, weil die Verbrechen der Vergangenheit Narben in der Gegenwart hinterlassen und zu immer weiteren Verbrechen in der Zukunft führen.Und es gibt die Versuche, die Effekte vergangener Verbrechen zu beenden und ungeschehen zu machen.

In diesen Tagen ist es angemessen, nicht über Wirtschaft zu schreiben, sondern über etwas anderes. Vor 79 Jahren hat Deutschland den Verstand verloren. Es gab Verbrechen. Es gab Geschichte und Pech. Fast alle der damaligen Kriminellen sind heute tot. Ihre Nachkommen und Nachfolger in Deutschland haben es geschafft, die Vergangenheit der Nation besser zu bewältigen, als es irgendjemand hätte erwarten können – und sie schaffen es bis heute.

Vor 70 Jahren überschritten 200.000 sowjetische Soldaten – hauptsächlich Männer russischer Abstammung – die Wolga in Richtung Stalingrad. Als Mitglieder von Vasily Chuikovs 62. Armee packten sie die Wehrmacht und ließen sie nicht mehr los. Sie kämpften fünf Monate lang. Etwa 80 Prozent von ihnen starben in den Ruinen dieser Stadt. Am 15. Oktober zitiert Chuikov in seinem Kampftagebuch eine Radiomitteilung des 416. Regiments der Wehrmacht um 12.20 Uhr: “Wir wurden umzingelt, Munition und Wasser vorhanden, Kämpfen bis zum Tod!” Um 16.35 Uhr rief der britische Oberstleutnant Ustinov in seinem umstellten Kommandoposten die Artillerie zu Hilfe.

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Aber sie hielten durch.

In diesem November vor 70 Jahren – am 19. November 1942 – wurde die Millionen Soldaten starke Reserve der Roten Armee an die südwestliche Front, die Don-Front und die Stalingrad-Front verlegt. Sie legten eine Falle in Form der geplanten Umzingelung und Vernichtung der deutschen 6. Armee und 4. Panzerarmee – mit dem Codenamen Operation Uranus. Sie kämpften, starben, siegten und zerstörten die Hoffnung der Nazis, Eurasien auch nur ein weiteres Jahr zu beherrschen.

Die 1,2 Millionen Soldaten der Roten Armee haben gemeinsam mit den Arbeitern, die sie ausrüsteten, und den Bauern, die sie ernährten, die Schlacht von Stalingrad zu der Schlacht gemacht, die die stärkste positive Auswirkung auf die Menschheit hatte.

Selbst wenn die Nazis Stalingrad erobert, ihre Truppenspitzen als mobile Reserven umverteilt, die 1942 folgende Winteroffensive der Roten Armee abgewehrt und die Ölfelder des Kaukasus besetzt und damit die Rote Armee um 90 Prozent ihres Benzins gebracht hätten, hätten die Alliierten den 2. Weltkrieg wahrscheinlich irgendwann gewonnen. Ein solcher Sieg hätte allerdings den großflächigen Einsatz von Nuklearwaffen erfordert; es wären wahrscheinlich doppelt so viele Todesopfer zu beklagen gewesen, als die 40 Millionen Menschen, die im zweiten Weltkrieg ohnehin umkamen.

Möge es nie wieder eine solche Schlacht geben. Mögen wir nie wieder solch eine Schlacht brauchen.

Die Soldaten der Roten Armee und die Arbeiter und Bauern unterstützten ihre Diktatoren dabei, Verbrechen zu begehen. Und begingen auch selbst Verbrechen. Diese Verbrechen verblassen aber gegenüber dem großen Dienst, den sie vor 70 Jahren im Schutt entlang der Wolga – und der westeuropäischen Menschheit – geleistet haben.

Wir sind die Erben ihrer Errungenschaften. Wir stehen in ihrer Schuld. Und was wir ihnen schulden, können wir nicht zurückzahlen. Wir können es nur im Gedächtnis behalten.

Aber wie viele NATO-Führer oder Präsidenten und Premierminister der Europäischen Union haben sich jemals die Zeit genommen, das Schlachtfeld zu besuchen und vielleicht für diejenigen einen Kranz niederzulegen, deren Opfer ihre Zivilisation gerettet haben?

  • FTD.de, 14.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 15.11.2012 09:08:40 Uhr   Anastasius: Stellung beziehen

    @khaproperty
    Eigentlich antworte ich nicht auf so billige Gemeinplätze wie Sie ihn hier aufbauen, aber so viel Ignoranz und Arroganz muß man auch mal verbal entgegentreten.
    Es war die Bush Regierung, die die Finanzierung Amerikas ruiniert hat.
    Es war die Bush Regierung, die ihre Falken - Kriege um Einfluß auf Staaten mit Öl zu bekommen über Pump finanziert hat.
    Es war die Bush Regierung, die 8 Jahre lang Politik für reiche weiße Männer gemacht hat und darüberhinaus einen Großteil des eigenen Volkes "links liegen" gelassen hat.
    Es war die Bush Regierung, die nichts gegen die sich abzeichnende Immobilienkrise getan hat.

    Ob die Überlegungen von Herrn deLong ein bißchen viel klebriges Pathos enthalten sei mal dahingestellt.

    Aber Herrn Obama mit einem Satz die gesamte Schuld am "Verschuldungs- und Verarmungs-Desaster" der Vereinigten Staaten anhaften zu wollen ist mehr "Tea-Party" Arroganz als ich ertragen kann.

  • 14.11.2012 19:38:34 Uhr   khaproperty: Ablenkung auf noch schlechtere Zeiten.
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