Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.
Im Jahr 2000 beschlossen 189 Länder gemeinsam die Millenniumserklärung der Uno, aus der eine Reihe konkreter Ziele hervorging, die Millennium-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals, MDGs). Diese ehrgeizigen Ziele - von der Halbierung extremer Armut und der Reduzierung der Müttersterblichkeit um drei Viertel bis hin zu allgemeiner Grundschulausbildung sowie dem Stopp der Verbreitung von HIV/Aids - sollen bis Ende 2015 erreicht werden.
Und was kommt als Nächstes?
So gut wie sicher ist, dass viele der MDGs bis Ende 2015 nicht erreicht werden, aber in einigen Bereichen gab es erstaunliche Fortschritte. Das Ziel etwa, extreme Armut zu halbieren, wird wahrscheinlich schon vorher erreicht werden, was Chinas phänomenalem Wachstum zu verdanken ist. Gleichzeitig gibt es kaum Anzeichen dafür, dass diese Erfolge den MDGs selbst zuzuschreiben sind. Die chinesischen Maßnahmen, die zum größten Armutsvernichtungsprogramm der Geschichte führten, stammen bereits aus der Zeit davor.
Klar ist allerdings, dass die MDGs ein Triumph der Öffentlichkeitsarbeit waren - was ihren Beitrag nicht schmälern soll. Wie alle guten Werbeaktionen haben sie Bewusstsein geschaffen, Aufmerksamkeit aktiviert und Aktionen mobilisiert. Sie haben die globale Diskussion über Entwicklung verstärkt und ihre Richtung vorgegeben. Und es gibt Anzeichen dafür, dass sie die Industrieländer dazu gebracht haben, armen Ländern mehr Beachtung zu schenken. Eine Studie von Charles Kenny und Andy Sumner für das Zentrum für Globale Entwicklung in Washington DC legt nahe, dass die MDGs die Hilfszahlungen nicht nur angekurbelt, sondern sie auch in Richtung kleinerer, ärmerer Länder und in Zielbereiche wie Ausbildung und öffentliche Gesundheit umgelenkt haben. Allerdings wurde die Hilfe nicht direkt auf ihre Ergebnisse überprüft.
Die MDGs umfassen acht Zielbereiche, 21 Ziele und 60 Indikatoren. Diese wurden viel kritisiert, da sie in den Augen von Skeptikern falsch spezifiziert und gemessen wurden und die Aufmerksamkeit von anderen, ebenso wichtigen Bereichen ablenken. Aber diese Kritik geht am Punkt vorbei. Die Ergebnisse konkreter Bemühungen müssen überwacht werden, und das Aufstellen klarer numerischer Zielvorgaben ist dafür die beste Methode.
Trotzdem leiden die MDGs unter einem grundlegenden Paradox. Die Millenniumserklärung war dazu gedacht, ein Pakt zwischen den reichen und armen Ländern der Welt zu sein. Die armen Länder versprachen, ihre Entwicklungsbemühungen umzugestalten, während die reichen Länder ihnen finanzielle und technische Unterstützung sowie Zugang zu ihren Märkten gewähren sollten. Aber merkwürdigerweise handelt lediglich der letzte der acht Zielbereiche von "globaler Partnerschaft" oder davon, was reiche Länder tun können oder sollten.
Sogar dort enthalten die MDGs keine numerische Zielvorgabe für Finanzhilfe oder irgendeinen anderen Aspekt der Hilfe durch reiche Länder, ganz im Gegensatz zu den hochspezifischen armutsbezogenen Zielen für die Entwicklungsländer. Vielleicht ist es aufschlussreich, dass die "Fortschrittstabellen" des Uno-Entwicklungsprogramms, die den Fortschritt bei den MDGs aufzeigen, unter diesem Zielbereich nur das Ausmaß der Internetnutzung dokumentieren.
Warum wir eine globale Anstrengung brauchen, um Entwicklungsländer davon zu überzeugen, zu tun, was gut für sie ist, ist nicht klar. Mit oder ohne MDGs sollten Reduzierung der Armut und menschliche Entwicklung für die Regierungen dieser Länder absolut im Mittelpunkt stehen. Natürlich ist es wahr, dass diese Regierungen aus politischen, militärischen und sonstigen Gründen oft andere Ziele verfolgen. Aber zu glauben, sie könnten durch internationale Erklärungen ohne Durchsetzungsmöglichkeit davon überzeugt werden, anders zu handeln, ist Wunschdenken. Wenn wir im Entwicklungsgeschäft eines gelernt haben, dann dass echte Reformen nicht mit Gebergeld gekauft werden können und schon gar nicht durch vage Zahlungsversprechungen. Ebenso problematisch ist, dass den MDGs implizit die Annahme zugrunde liegt, wir wüssten, wie man Entwicklungsziele erreicht. Aber ob Politiker wissen, wie man beispielsweise nachhaltig die Zahl der Sekundarschulabschlüsse steigert oder die Müttersterblichkeit senkt, ist fraglich.
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Viele Entwicklungsökonomen würden argumentieren, dass zum Erreichen solcher Ziele entscheidende Verbesserungen in der Staatsführung und den politischen Institutionen stattfinden müssen. Das Beste, was reiche Länder tun könnten, wäre, den Entwicklungsländern, die willens und bereit sind, eine unterstützende Umgebung zur Verfügung zu stellen. Diese Überlegungen deuten eine Richtung für die nächste Runde der MDGs an. Zuerst sollte ein neuer globaler Pakt direkter auf die Verantwortlichkeiten der reichen Länder eingehen. Zweitens muss er Maßnahmen jenseits von Hilfe und Handel betonen, die ebenso große oder gar größere Auswirkungen auf die Entwicklung armer Länder haben.
Diese Maßnahmen könnten dazugehören: Steuern auf Kohlendioxid oder andere Methoden zur Bekämpfung des Klimawandels; mehr Arbeitsvisa, um mehr temporäre Migration aus armen Ländern zu ermöglichen; strenge Überwachung der Waffenverkäufe an Entwicklungsländer; weniger Unterstützung für repressive Regime und verstärkte Weitergabe von Finanzinformationen zur Reduzierung von Geldwäsche und Steuerflucht. Die meisten dieser Maßnahmen kosten kein Geld. Sollte die internationale Gemeinschaft eine mutige Initiative zur Öffentlichkeitsarbeit starten, kann sich diese genauso gut auf die Bereiche richten, in denen die besten Ergebnisse zu erwarten sind.