Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.
Jeffrey Frankel ist Professor für Kapitalbildung und Wachstum an der Kennedy School of Government der Universität Harvard.
Jedes Mal, wenn beim IWF die Bestellung eines neuen geschäftsführenden Direktors ansteht, beklagen Kritiker, dass es nun Zeit für einen IWF-Chef aus einem Schwellenland wäre.
Diese 60 Jahre alte ungerechte Tradition, wonach ein Europäer Chef des IWF und ein Amerikaner Chef der Weltbank zu sein hat, wird allerdings mit Jammern nicht aus der Welt zu schaffen sein. Nur wenn die Schwellenländer geeint hinter einem Kandidaten stehen, werden sie eine Chance haben, den Posten für sich zu sichern.
Unglücklicherweise ist das diesmal unwahrscheinlich und deshalb wird der Job vermutlich wieder an einen Europäer oder eine Europäerin gehen. Schließlich muss das oft wiederholte Prinzip, wonach der geschäftsführende Direktor des IWF auf Grundlage von Leistung und nicht nach Nationalität ausgewählt werden soll, keinen Abschied von der Praxis der Vergangenheit bedeuten. Die französische Finanzministerin Christine Lagarde (Europas Kandidatin) ist eine beeindruckende und kompetente Persönlichkeit.
Aber die Behauptung, dass die aktuelle Staatschuldenkrise an der Peripherie Europas ein Grund sei, eine Europäerin zu ernennen, ist falsch. (Das scheint auch Lagarde selbst anzuerkennen.)
Europa hat seinen impliziten Anspruch verloren, die beste Ressource für Kandidaten zu sein, die über die nötige Erfahrung verfügen, um das internationale Währungssystem zu führen. Einst lag darin vielleicht ein Körnchen Wahrheit. In den 1980er Jahren beispielsweise wurde der IWF von höchst kompetenten Direktoren aus Frankreich geführt. Das war zu einer Zeit, als in den Entwicklungsländern hohe Haushaltsdefizite und sogar Hyperinflation wüteten. Aber das ist mittlerweile vorbei.
In dreierlei Hinsicht kann Europa nicht mehr behaupten, ein spezieller Hort der Weisheit und des Verantwortungsbewusstseins zu sein. Erstens hatten viele Schwellenländer in den vergangenen zehn Jahren eine bessere Wirtschaftsführung vorzuweisen als Europa. In diesen Ländern gibt es keine exzessiven Haushaltsdefizite, wie sie europäische Länder während der letzten expansiven Phase anhäuften - und die jetzt in einer schlecht bewältigten Staatsschuldenkrise gipfeln.
Zweitens haben die Europäer drei Direktoren hintereinander ernannt, die vor dem planmäßigen Ende ihrer Amtszeit ausschieden. Zwar hat keiner von Dominique Strauss-Kahn s beiden Vorgängern das Amt während eines Skandals verlassen, aber beide Rücktritte zuvor deuteten darauf hin, dass die betreffenden Männer ihren Job nicht ernst genug genommen hatten.
Schließlich stammen viele der besten Kandidaten diesmal aus Schwellenländern. Das Leistungskriterium stimmt zufällig mit der vielfach anerkannten aber praktisch nicht umgesetzten Notwendigkeit überein, den Schwellenländern, im Einklang mit ihrer neuen Bedeutung für die Weltwirtschaft, in der IWF-Führung mehr Gewicht einzuräumen.
Teil 2: Neun Kandidaten aus Schwellenländern