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FTD-Serie: Die Top-Ökonomen

Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.
Merken   Drucken   02.05.2012, 14:05 Schriftgröße: AAA

Top-Ökonomen: Jeffrey Sachs - Egoisten im Endstadium

Die globale Wirtschaft steckt in einer Nachhaltigkeitskrise. Die Staaten kümmern sich nur um das eigene Wohl, statt gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Das muss sich ändern.
© Bild: 2011 Bloomberg/Scott Eells
Kommentar Die globale Wirtschaft steckt in einer Nachhaltigkeitskrise. Die Staaten kümmern sich nur um das eigene Wohl, statt gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Das muss sich ändern.
von Jeffrey Sachs

Jeffrey Sachs ist Uno-Sonderberater für die Millenniumsentwicklungsziele.


Politisch gesehen wird die Welt immer weniger von der globalen Führung Europas und der Vereinigten Staaten dominiert, sondern immer mehr von Regionalmächten. Die diesjährigen Treffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank wurden hauptsächlich durch die europäische Wirtschaftskrise bestimmt. Der Fonds versucht für den Fall, dass die schwachen europäischen Volkswirtschaften weitere finanzielle Rettungspakete benötigen, einen Notfallrettungsmechanismus einzurichten, und hat die großen wirtschaftlichen Schwellenländer - Brasilien, China, Indien, die Öl exportierenden Golfstaaten und andere - aufgefordert, die dafür nötigen Ressourcen bereitzustellen.

Die Antwort ist klar: Ja, aber nur im Austausch gegen mehr Macht und Stimmrechte im IWF. Europa, das ein internationales finanzielles Sicherheitsnetz haben möchte, muss dem zustimmen.

Natürlich ist die Forderung der Schwellenländer nach mehr Macht nichts Neues. 2010, als der IWF zum letzten Mal seine finanziellen Ressourcen aufgestockt hat, haben die Schwellenländer dieser Vereinbarung nur unter der Bedingung zugestimmt, dass sie innerhalb des IWF etwa sechs Prozent mehr Stimmrechte erhalten, während Europa etwa vier Prozent verlor. Jetzt fordern die aufstrebenden Länder einen noch größeren Anteil an der Macht.

Der Grund dafür ist nicht schwer zu erkennen. Laut IWF fielen auf die momentanen Mitglieder der Europäischen Union im Jahr 1980 31 Prozent der Weltwirtschaftsleistung (kaufkraftbereinigt, gemessen anhand der BIPs der einzelnen Länder). Bis 2011 war der Anteil der EU auf 20 Prozent zurückgegangen, und der Fonds rechnet damit, dass er bis 2017 noch weiter auf 17 Prozent fällt.

Dieser Niedergang spiegelt das langsame Wachstum Europas in Bezug auf sowohl Bevölkerungszahl als auch Wirtschaftsleistung pro Person wider. Auf der anderen Seite der Bilanz ist der Anteil der asiatischen Schwellenländer einschließlich Chinas und Indiens am globalen BIP von acht Prozent im Jahr 1980 auf 25 Prozent im Jahr 2011 hochgeschnellt und wird 2017 wahrscheinlich 31 Prozent betragen.

Wie es für die heutige Zeit typisch ist, weigern sich die USA, sich an einem neuen IWF-Rettungspaket zu beteiligen. Die Wirtschaftspolitik des US-Kongresses ist in letzter Zeit immer isolationistischer geworden, besonders wenn es um finanzielle Hilfe für andere geht. Dies ist auch ein Zeichen für den langfristigen Machtverlust der USA. Der US-Anteil am globalen BIP fiel von 25 Prozent im Jahr 1980 auf 19 Prozent im Jahr 2011 und soll bis 2017 weiter zurückgehen. Für diesen Zeitpunkt erwartet der IWF auch, dass die chinesische Wirtschaft (kaufkraftbereinigt) absolut betrachtet größer als die US-amerikanische wird.

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Aber neben dem Abstieg der Nordatlantikregion (EU und USA) und dem Aufstieg der Schwellenländer, insbesondere der Brics (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika), ist die globale Machtverschiebung noch komplizierter. Eine Verschiebung findet auch von einer unipolaren Welt, hauptsächlich unter der Führung der USA, hin zu einer echten multipolaren Welt statt, in der die USA, die EU, die Brics und kleinere Mächte (wie Nigeria und die Türkei) regionales Gewicht besitzen, sich aber in Bezug auf globale Führung und insbesondere die damit verbundenen finanziellen Lasten zurückhalten. Das Problem ist nicht, dass es heute fünf oder sechs Großmächte gibt, sondern dass sie es sich auf Kosten der anderen gut gehen lassen wollen.

Kein Land kann alle anderen doninieren

Die Verschiebung hin zu einer solchen multipolaren Welt hat den Vorteil, dass kein einzelnes Land alle anderen dominieren kann. Jede Region hat genügend Raum und Bewegungsfreiheit, um ihren eigenen Weg zu finden. Aber eine multipolare Welt birgt auch große Risiken. So kann es passieren, dass den großen globalen Herausforderungen nicht begegnet wird, weil kein einzelnes Land willens oder in der Lage ist, sich an einer globalen Lösung zu beteiligen oder gar eine solche zu koordinieren.

Die USA haben sich schnell von der globalen Führungsmacht hin zu einem solchen Trittbrettfahrer entwickelt und dabei anscheinend die Phase der globalen Zusammenarbeit übersprungen. Das Land beteiligt sich kaum an globalen Übereinkünften zum Klimaschutz, IWF-Rettungspaketen, Zielen für globale Entwicklung und anderen Aspekten internationaler Zusammenarbeit zur Bereitstellung globaler öffentlicher Güter. Die Schwächen der weltpolitischen Zusammenarbeit sind angesichts der Schwere der Herausforderungen beunruhigend. Natürlich springen sofort die anhaltenden Unruhen in der Finanzwirtschaft ins Auge, aber andere Herausforderungen wiegen sogar noch schwerer.

Eine große Bedrohung für die globale wirtschaftliche Stabilität und das Wachstum stellen die hohen, volatilen Rohstoffpreise dar. Die physischen Vorräte globaler Ressourcen geraten durch die wachsende Nachfrage, insbesondere aus China, unter Druck. Natürlich kann mehr Öl oder Kupfer gefördert werden, aber nur zu viel höheren Kosten. Aber das Problem geht noch über Angebotsengpässe hinaus. Das Wirtschaftswachstum ist auch die Ursache einer immer größeren Umweltkrise.

Die Weltwirtschaft steckt in einer Nachhaltigkeitskrise, wo Ressourcenknappheit und Umweltkrisen zu großen Preisschocks und ökologischer Instabilität führen. Wirtschaftliche Entwicklung muss durch Techniken und Lebensstile, die den gefährlichen Druck auf die Ökosysteme der Erde verringern, schnell zu nachhaltiger Entwicklung werden. Auch dies erfordert ein Ausmaß globaler Zusammenarbeit, das bis jetzt nirgendwo sichtbar ist. Wenn wir Fortschritte machen wollen, müssen wir beginnen, uns in die gleiche Richtung zu bewegen, auch wenn kein einzelner Kapitän am Steuer steht.

  • FTD.de, 02.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 02.05.2012 16:13:26 Uhr   M.R.: naive Ideologie

    Will Herr Sachs jetzt die Menschheit erklären? Das haben auch die Kommunisten versucht und kamen zu unangenehmen Ergebnissen. Die sogenannten "Experten" sollten besser zugeben, dass sie soviel Ahnung haben wie wir alle.

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