Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.
Jeffrey Sachs ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Leiter des Earth Institute an der Columbia University. Er ist außerdem Sonderberater des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für die Millenniumsentwicklungsziele.
Große gesellschaftliche Veränderungen finden auf unterschiedliche Arten statt. Ein technischer Durchbruch - die Dampfmaschine, der Computer und das Internet - kann eine große Rolle dabei spielen. Visionäre wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King Jr. und Nelson Mandela können das Verlangen nach Gerechtigkeit aufkeimen lassen. Politische Führer können eine große Reformbewegung ins Rollen bringen, wie Franklin Roosevelt den New Deal.
Auch unsere eigene Generation braucht eine gesellschaftliche Veränderung, sie muss ihren eigenen Wandel vorantreiben. Wir müssen handeln, um die Erde vor einer Umweltkatastrophe zu retten, die wir selbst zu verantworten haben.
Jeder von uns spürt diese Herausforderung fast jeden Tag. Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen, Waldbrände und schrumpfende Gletscher, verschmutzte Flüsse und extreme Unwetter suchen den Planeten immer häufiger heim. Unsere Weltwirtschaft mit einem jährlichen Volumen von 70 Billionen US- Dollar baut einen nie zuvor dagewesenen Druck auf. Wir brauchen neue Technologien, Verhaltensweisen und eine neue Ethik, um die wirtschaftliche Entwicklung umweltverträglich zu gestalten.
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen (UN), Ban Ki-moon, nimmt in seiner Position zwischen globaler Politik und Gesellschaft diese beispiellose Herausforderung an. Auf politischer Ebene ist die UN der Versammlungsort, an dem 193 Mitgliedstaaten internationales Recht verhandeln und gestalten, wie in dem wichtigen Vertrag zum Klimawandel beim Rio-Umweltgipfel 1992. Auf der Ebene der Weltgemeinschaft repräsentiert die UN die Bürger der Welt: "Wir, die Völker", heißt es in der UN-Charta. Auf gesellschaftlicher Ebene geht es bei der UN um unser aller Rechte und Verantwortung, einschließlich zukünftiger Generationen.
In den letzten zwei Jahrzehnten haben die Regierungen nicht genügend Auswege aus Umweltbedrohungen geliefert. Die Politiker haben es versäumt, die auf dem Umweltgipfel 1992 geschlossenen Verträge richtig umzusetzen. Ban weiß aber, dass ein entschlossenes Handeln der Regierungen entscheidend ist. Er erkennt auch, dass die Zivilgesellschaft eine größere Rolle spielen muss. Vor allem, weil zu viele Regierungen und Politiker Eigeninteressen verfolgen, und zu wenig Politiker in Zeithorizonten denken, die über die nächste Wahl hinausgehen.
Um die Weltgemeinschaft zum Handeln zu bewegen, hat Ban eine neue globale Initiative angeregt, für die ich mich zur Verfügung stelle. Das Sustainable Development Solutions Network der UN ist eine Initiative, die globales Wissen zur Rettung des Planeten mobilisiert. Die Idee ist, mit globalen Wissens- und Aktionsnetzwerken neue, hochmoderne Ansätze für nachhaltige Entwicklung auf der Welt zu erkennen, zu demonstrieren und zu dokumentieren. Das Netzwerk wird mit Regierungen, UN-Organisationen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und dem privaten Sektor zusammenarbeiten und diese unterstützen.
Die Menschheit muss neue Verfahren lernen, um CO2-arme Energie zu produzieren und zu verwenden, Nahrungsmittel nachhaltig anzubauen, lebbare Städte zu errichten und die globalen Gemeingüter Ozeane, Biodiversität und Atmosphäre zu verwalten. Doch wird die Zeit sehr knapp.
Heutige Megastädte beispielsweise müssen bereits mit gefährlichen Hitzewellen, steigendem -Meeresspiegel--, extremen Unwettern, Staus sowie Luft- und Wasserverschmutzung fertig werden. Landwirtschaftliche Regionen müssen schon jetzt widerstandsfähiger gegen stärkere klimatische Schwankungen werden. Und wenn eine Region eine nachhaltigere Möglichkeit findet, Transport, Energiebedarf, Wasserversorgung oder Nahrungsmittelversorgung zu organisieren, so sollten diese Erfolge schnell in die globale Wissensbasis aufgenommen werden. Andere Regionen können davon rasch profitieren.
Universitäten kommt in dem neuen UN-Wissensnetzwerk eine besondere Rolle zu. Genau vor 150 Jahren, 1862, schuf Abraham Lincoln Amerikas "land-grant universities". Sie sollten lokalen Gemeinden helfen, ihre Agrarwirtschaft und die Lebensqualität zu verbessern. Heute brauchen wir Universitäten in allen Teilen der Welt, um den Gesellschaften zu helfen, die Herausforderungen wie die Armutsbekämpfung sowie nachhaltige Energie und Nahrungsmittelversorgung zu bewältigen. Weil sie sich miteinander vernetzen und ihre Studienpläne online stellen, können die Universitäten der Welt wissenschaftliche Lösungen für komplexe Probleme sogar noch effektiver entdecken und verbreiten.
Auch der weltweite Unternehmenssektor muss eine bedeutsame Rolle bei der nachhaltigen Entwicklung spielen. Derzeit agiert die Unternehmenswelt noch auf zwei gegensätzlichen Ebenen. Sie ist die Quelle für hochmoderne nachhaltige Technologie, Pionierforschung und -entwicklung, erstklassiges Management mit führenden Ideen für die Umweltverträglichkeit. Gleichzeitig geht vom Unternehmenssektor aber auch aggressive Lobbyarbeit aus. Sie hat das Ziel, Umweltvorschriften auszuhöhlen, die Steuern für Unternehmen zu drücken und sich der eigenen Verantwortung für die Umwelt zu entziehen.
Wir brauchen dringend weitsichtige Unternehmen, die sich dem Sustainable Development Solutions Network anschließen. Diese Unternehmen sind in besonderem Maße dazu in der Lage, neue Ideen und Technologien in Frühphasen-Demonstrationsprojekte umzusetzen und dadurch die globalen Lernzyklen zu beschleunigen. Genauso wichtig ist eine kritische Masse an angesehenen Unternehmen, die umweltfeindlichen Lobbyismus und Wahlkampffinanzierungspraktiken beenden.
Nachhaltige Entwicklung ist eine generationsübergreifende Herausforderung und keine kurzfristige Aufgabe. Die Neuerfindung der Energie- und Nahrungsmittelversorgung, des Transportwesens sowie anderer Systeme werden nicht Jahre, sondern Jahrzehnte dauern. Die Langfristigkeit der Herausforderung sollte uns nicht in Untätigkeit verfallen lassen. Wir müssen jetzt anfangen, unsere Produktionssysteme neu zu erfinden, gerade weil der Weg so lang sein wird und die Umweltgefahren schon jetzt drängen.
Auf dem Rio+20-Gipfel im vergangenen Juni stimmten die Regierungen der Welt zu, neue Ziele in Bezug auf die nachhaltige Entwicklung für den Zeitraum nach 2015 aufzunehmen. Sie wollen an den Erfolg der Millenniumsentwicklungsziele bei der Bekämpfung von Armut, Hunger und Krankheit anzuknüpfen. In der Zeit nach 2015 werden der Kampf gegen die Armut und der Kampf zum Schutz der Umwelt Hand in Hand gehen und sich gegenseitig bestärken. Generalsekretär Ban Ki-moon hat bereits mehrere globale Prozesse angestoßen, um die neuen Ziele für die Zeit nach 2015 unter dem Gesichtspunkt der Offenheit, Partizipation und Wissensbasiertheit zu etablieren.
Die Schaffung des Sustainable Development Solutions Network durch den Generalsekretär ist daher besonders zeitgemäß. Die Welt wird sich nicht nur neue Ziele setzen, um nachhaltige Entwicklung zu erreichen, sie wird auch über ein neues globales Netzwerk verfügen, in dem Fachkenntnisse ausgetauscht werden und das dazu beiträgt, diese entscheidenden Ziele zu erreichen.
Mag ja sein, was wir alles brauchen, die Realität sieht aber anders aus:
- mehrheitlich Politiker, die nur an ihre eigene Versorgung denken
- keine Mitbestimmung der Völker
- islamische Länder, die die Weltherrschaft anstreben
- gewinnorientierte Unternehmen
- Lügner des IPCC
Vor diesem Hintergrund ist Nachhaltigkeit daher nur eine Worthülse.