Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.
Michael Spence ist Professor für Ökonomie an der Stern School of Business der New York University. 2001 wurde er mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet.
Die reichen Länder der Welt sind in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die hauptsächlich mit Wachstum und Beschäftigung zusammenhängen, und nun greifen ihre Probleme auf die Entwicklungsländer über. Der erste Schlüsselfaktor dafür sind der Abbau von Fremdkapital und die dadurch zurückgehende Gesamtnachfrage. Seit dem Beginn der Finanzkrise 2008 haben einige Industrieländer die Nachfrage durch hohe Verschuldung und exzessiven Konsum aufrechterhalten und sowohl private als auch öffentliche Bilanzen reparieren müssen. Dies kostet Zeit, Wachstum und Beschäftigung. Alle entwickelten Volkswirtschaften verfügen über einen großen Nichthandelsbereich. Dieser umfassende Sektor hängt völlig von der Inlandsnachfrage ab. Ein Teil des Defizits könnte durch den Handelsbereich ausgeglichen werden, aber dieser ist nicht groß genug, um ein vollwertiger Ersatz zu sein.
Der zweite Faktor bezieht sich auf die Investitionen. Um langfristiges Wachstum zu erreichen, müssen Regierungen, der private Sektor und die einzelnen Bürger Investitionen tätigen. Mangelnde Investitionstätigkeit verringert langfristig das Wachstum und das Angebot an Arbeitsplätzen. Die harte Wahrheit ist, dass die Kehrseite des konsumbestimmten Wachstumsmodells vor der Krise darin bestand, dass zu wenig investiert wurde, insbesondere im öffentlichen Sektor. Wenn ausgeglichenere Haushalte zum Teil durch Investitionskürzungen erreicht werden, leidet das mittel- und langfristige Wachstum, was zu weniger Arbeitsplätzen für junge Menschen führt. Ein Fortführen der Investitionen hat einen sofortigen Preis: Konsumverzögerung.
Wenn sich fast alle einig sind, dass zur Steigerung des Wachstums mehr Investitionen nötig sind, aber gleichzeitig alle glauben, jemand anders sollte dafür zahlen, fallen die Investitionen einem Problem bei der Lastenverteilung zum Opfer. Das Kernthema sind die Steuern. Soll die Investitionstätigkeit des öffentlichen Sektors ohne Steuererhöhungen verstärkt werden, wären die Haushaltskürzungen, die zur Vermeidung weiterer Schuldenaufnahme an anderer Stelle nötig wären, unangemessen hoch.
Die schwierigste Herausforderung betrifft den gesellschaftlichen Zusammenhalt - wie die Früchte des Wachstums verteilt werden. Dieses Problem besteht insbesondere in den Vereinigten Staaten bereits seit mindestens zwei Jahrzehnten vor der Krise - und wenn es nicht angegangen wird, bedroht es den sozialen Zusammenhalt.
In den meisten Industrieländern stagnierten die Einkommen der Mittelklasse, und die Arbeitsplätze wurden knapper, insbesondere im Handelssektor der Wirtschaft. Der Anteil des Kapitaleinkommens ist auf Kosten der Situation auf dem Arbeitsmarkt gestiegen. Insbesondere in den USA war der Anteil der Schaffung von Arbeitsplätzen im Nichthandelsbereich unverhältnismäßig. Diese Trends spiegeln eine in den letzten beiden Jahrzehnten vorherrschende Kombination technologischer und weltweiter marktwirtschaftlicher Kräfte wider. Auf der technologischen Seite haben arbeitssparende Innovationen in der netzwerkbasierten Informationsverarbeitung und Transaktionsautomatisierung dazu beigetragen, sowohl im Handels- als auch im Nichthandelssektor einen Keil zwischen Wachstum und Schaffung von Arbeitsplätzen zu treiben.
Im Handelsbereich hat die Automatisierung der Herstellung in die sich schnell entwickelnden globalen Angebotsketten die Neuschaffung von Arbeitsplätzen behindert. Die wachsende Fähigkeit multinationaler Unternehmen, diese Angebotsketten nach Funktion und geografischen Faktoren aufzuspalten und sie dann zwecks weiterer Senkung der Transaktionskosten neu zu integrieren, unterläuft die Sicherheit im Arbeitsmarkt, die bisher darin bestand, dass Firmen an einem bestimmten Ort bei der Suche nach Arbeitskräften im Wettbewerb zueinander standen.
Diese Herausforderung ist besonders schwer zu meistern, da sich die Wirtschaftspolitik bisher mit den negativen Verteilungstrends, die sich aus veränderten globalen Marktbedingungen ergeben, nicht genug beschäftigt hat. Und trotz ähnlicher technologischer und marktwirtschaftlicher Faktoren ist die Einkommensverteilung in den Industrieländern erstaunlich unterschiedlich, was annehmen lässt, dass Sozialpolitik und unterschiedliche soziale Normen einen Einfluss auf die Verteilung haben. Obwohl sich die Theorie der optimalen Einkommensbesteuerung direkt auf den Ausgleich von Effizienzanreizen und Konsequenzen für die Verteilung auswirkt, scheint ein angemessenes Gleichgewicht in weiter Ferne zu sein. Dazu wäre eine gesunde Bilanz hilfreich, da ein Teil des Einkommensflusses in Richtung Kapital an den Staat gehen würde. Aber mit Ausnahme von China sind die Haushaltssituationen ziemlich schwach.
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Daher wird für viele Länder der Abbau von Fremdkapital weiterhin an erster Stelle stehen, was das Wachstum schwächt, ohne dass die von steigenden Staatsschulden und Defiziten geplagte öffentliche Hand entscheidend gegensteuern könnte. Bis jetzt ist nicht ersichtlich, ob Politiker, Entscheider und die Öffentlichkeit über Steuern den Konsum senken, um Raum für erweiterte, wachstumsorientierte Investitionen zu schaffen.
Bei dem Haushaltsdruck ist das Gegenteil wahrscheinlich. Trotz anderer Aussagen scheinen in den Programmen der Parteien derzeit wenig praktische Maßnahmen gegen das Verteilungsproblem zu stehen. Soweit dies auch auf andere Industrienationen zutrifft, steht die Weltwirtschaft vor einer mehrjährigen Periode sehr niedrigen Wachstums, wobei politischer Stillstand sowie Fehler Europas, der USA und anderer Länder das Risiko verstärken. Dieses Szenario beinhaltet auch ein niedrigeres Wachstum in China und den anderen Schwellenländern.