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  FTD-Serie: Die Top-Ökonomen

Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.

Merken   Drucken   30.10.2012, 06:00 Schriftgröße: AAA

Top-Ökonomen: Michael Spence - Schwellenmärkte sind stark genug

Kommentar Die Schwellenländer müssen sich von den wirtschaftlichen Entwicklungen in den großen Industriökonomien nicht einschüchtern lassen. Ihre eigenen Kräfte reichen aus, wenn sie die richtigen Maßnahmen ergreifen.

Michael Spence ist Professor für Ökonomie an der Stern School of Business der New York University. 2001 wurde er mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet.


Die Welt richtet ihren Blick auf die wirtschaftliche Instabilität in den Industrieländern; die Entwicklungsländer hingegen erhalten relativ wenig Aufmerksamkeit, obwohl sie vom jüngsten Abschwung in den Industrieländern durchaus betroffen sind. Schaffen sie es, aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen?

Nach dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 waren die großen Schwellenländer wichtige Wachstumsmotoren für den weltweiten Handel; bis zu einem gewissen Grad sind sie es bis heute. Ihre Widerstandskraft gegen konjunkturelle Einflüsse aus den Industrienationen ist darin begründet, für eine ausreichend stabile Gesamtnachfrage zu sorgen.

Michael Spence   Michael Spence

Das geringe Wirtschaftswachstum in Europa und der beträchtliche Wachstumsrückgang in den Vereinigten Staaten haben zu einem solch hohen Nachfrageverlust geführt, dass die Exporte der Schwellenökonomien geschwächt wurden. Denn Europa ist für viele Länder ein wichtiger Exportmarkt, für China der größte Auslandsmarkt überhaupt. Die Nachwirkungen der schwächelnden Wirtschaft in Europa haben sich daher rasch auf das restliche Asien und darüber hinaus ausgebreitet.

Die wichtigsten Fragen für die Weltwirtschaft von heute lauten also: Wie stark wird der Wachstumsrückgang ausfallen? Und: Wie lange wird er andauern? Mit klugen Reaktionen auf politischer Ebene sollten die Auswirkungen relativ milde und kurzlebig bleiben.

Ein zentrales Thema, das die Zukunft momentan düster erscheinen lässt, ist die Handelsfinanzierung. Die europäischen Banken - traditionell eine wichtige Quelle der Handelsfinanzierung - haben ihre Aktivitäten dramatisch zurückgeschraubt. Es mangelt ihnen an adäquaten Eigenmitteln aufgrund des hohen Kapitalverlustes in der Schuldenkrise oder aus dem Immobilienkreditgeschäft. Dieses Vakuum könnte die Handelsflüsse einschränken, selbst wenn es eine entsprechende Nachfrage gäbe. Vor allem Asien hat diesem Vakuum den Kampf angesagt.

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Obwohl insbesondere Chinas Handel stark von den Industrieländern abhängt, wird die Regierung eher einen kurzen Abschwung in Kauf nehmen als möglicherweise verzerrende Maßnahmen zu ergreifen, die die Konjunktur ankurbeln sollen. Angesichts der, Gefahr Vermögenspreisblasen zu schüren, sollte niemand mit jener dramatischen Kreditlockerung rechnen, die auf die Kernschmelze des Jahres 2008 folgte.

Ein beschleunigtes öffentliches Investitionsprogramm schließen Experten trotzdem nicht aus. Die besten und wahrscheinlichsten Reaktionen sind allerdings solche, die die Binnennachfrage ankurbeln. Sie würden die Haushaltseinkommen erhöhen, die Einkünfte aus staatlichen Vermögenswerten wirksam einsetzen und die chinesischen Sozialversicherungssysteme stärken, um das Vorsorgesparen einzudämmen. Tatsächlich sind alle diese Punkte zentrale Bestandteile des kürzlich verabschiedeten 12. Fünfjahresplanes.

Manche Länder können dem weltweiten Trend trotzen

Freilich wartet man mit den wichtigsten systemischen Reformen in China noch auf den Führungswechsel im November. Das Reformtempo der marktseitigen Ausweitung der Wirtschaft muss aber rasch an Fahrt aufnehmen, um die ehrgeizigen wirtschaftlichen und sozialen Ziele der nächsten fünf Jahre zu erreichen.

Manche Länder konnten dem weltweiten Trend auch trotzen. Indonesien beispielsweise erfährt ein beschleunigtes Wachstum mit steigendem Unternehmer- und Verbrauchervertrauen, wodurch die Investitionen auf beinahe 33 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angestiegen sind.

Auch Brasiliens Wachstum scheint sich nach einer Schwächephase nun wieder zu erholen. Seine gesamtwirtschaftliche Leistung überdeckt allerdings einen wichtigen Faktor: die Wachstumsraten liegen unter den ärmeren Bürgern des Landes höher, die Arbeitslosigkeit sinkt. Aus der kumulierten Wachstumsrate geht das nicht hervor, weshalb sich auch die Geschwindigkeit des wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts nicht entsprechend abbildet.

Die bedeutendste Herausforderung für Brasilien besteht in der Steigerung seiner Investitionsrate von gegenwärtig 18 Prozent des BIP in die Nähe von 25 Prozent. Dadurch sollen das rasche Wachstum und die wirtschaftliche Diversifizierung aufrechterhalten werden. Die Abhängigkeit von Rohstoffen wird jedoch auch mit der Schaffung einer beträchtlichen Wertschöpfung im Land hoch bleiben.

Die Wachstumsraten sind auch in anderen systemisch großen Ländern, einschließlich der Türkei und Mexiko, trotz des Gegenwinds aus Europa und den USA, angestiegen. Auch zahlreiche afrikanische Länder weisen insgesamt solide makroökonomische Daten sowie eine dauerhafte Beschleunigung des Wachstums, wirtschaftliche Diversifizierung und Anlegervertrauen auf.

Der Ausblick für die indische Wirtschaft ist eher ungewiss

Während sich das starke Wachstum Indiens in letzter Zeit bremste - aufgrund einer Kombination aus der Schwäche in den Industrieländern, eines internen Verlustes der Reformdynamik und schwindendem Anlegervertrauen - scheint sich dieser Trend nach den jüngsten Korrekturmaßnahmen umzukehren. Die wichtigste Frage ist, ob das indische Parlament maßgebliche Gesetze verabschieden oder durch ideologisch verhärtete und von Skandalen geschürte Machtkämpfe gelähmt bleiben wird.

Weil die allgemeine Situation mit den generellen Trends in den Entwicklungsländern zusammen kommt - steigende Einkommen, rasches Wachstum in der Mittelschicht, Ausweitung der Handels- und Investitionsströme, bilaterale und regionale Freihandelsabkommen sowie ein wachsender Anteil am globalen BIP (ungefähr 50 Prozent) - sollte die Wachstumsdynamik dieser Länder in den nächsten ein bis zwei Jahren relativ rasch zurückkehren.

Die meisten Abwärtsrisiken in diesem Szenario stammen aus Europa, den USA und China. Um die Wachstumsdynamik der Schwellenländer in dieser Phase aus der Bahn zu werfen, müsste entweder ein größerer Nachfrageschock in den entwickelten Ökonomien eintreten oder beim Führungswechsel in China eine Panne unterlaufen. Sie könnten die systemischen Reformen behindern und das Wachstum des Landes beeinträchtigen. Trotz der niedrigen Wachstumsprognosen für die gesamte Welt scheinen diese systemischen Risiken zu schwinden, sowohl einzeln als auch insgesamt betrachtet.

Per saldo werden sich diese Wachstumsmuster der verschiedenen Geschwindigkeiten fortsetzen. Obwohl die entwickelten Ökonomien eine Phase des Wachstums aus sich selbst heraus durchlaufen, werden die Schwellenökonomien ein wichtiger Wachstumsmotor bleiben.

  • FTD.de, 30.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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