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  FTD-Serie: Die Top-Ökonomen

Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.

Merken   Drucken   25.07.2012, 12:00 Schriftgröße: AAA

Top-Ökonomen: Sheng und Geng - Wenn Traditionen stören

Wachstumsförderung hat wieder höchste Priorität. Ein Blick auf die ostasiatischen Volkswirtschaften zeigt, welche Rolle der Staat dabei wirklich spielen sollte.
© Bild: 2011 Reuters/© Jason Lee / Reuters
Kommentar Wachstumsförderung hat wieder höchste Priorität. Ein Blick auf die ostasiatischen Volkswirtschaften zeigt, welche Rolle der Staat dabei wirklich spielen sollte.
von Andrew Sheng und Xiao Geng

Andrew Sheng ist Präsident des Fung Global Institute und Berater der Chinesischen Kommission für Bankenaufsicht.

Xiao Geng ist Forschungsdirektor am Fung Global Institute.


Vor beinahe 20 Jahren hat die Weltbank ihre bahnbrechende Studie "The East Asian Miracle" veröffentlicht, in der analysiert wurde, warum ostasiatische Volkswirtschaften schneller wuchsen als Schwellenmärkte in Lateinamerika, Afrika und anderswo. Der Bericht gelangte zu dem Schluss, dass diese Volkswirtschaften hohe Wachstumsraten erzielten, indem sie die richtigen Grundlagen schufen, Investitionen und Humankapital förderten und sich für den Export öffneten. Das war allerdings noch nicht alles. Die Weltbank hat ebenfalls zugegeben, wenn auch widerwillig, dass - systematisch und über verschiedene Kanäle - staatliche Interventionen zur Förderung der Entwicklung erfolgt sind, unter anderem in bestimmten Wirtschaftszweigen an bestimmten Standorten durch Subventionen, Steuervergünstigungen und finanzielle Repression.

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Im Lauf der Jahre, insbesondere nach der Asien-Krise, sind die den Rückzug des Staates propagierenden wirtschaftspolitischen Maßnahmen des Washington Consensus in Ungnade gefallen. Dafür hat eine "Neue Institutionenökonomik" (NIÖ) an Boden gewonnen. Sie füllte die von etablierten Modellen hinterlassenen Lücken. Angesichts der heutigen Rezession und der Schuldenkrise in Europa bleibt die zentrale Frage tatsächlich die der Rolle des Staates bei der Förderung von Wachstum.

Der Nobelpreisträger Douglass North hat schon frühzeitig ins Feld geführt, dass die Gesellschaft Institutionen geschaffen hat, um mit Informationsasymmetrie umgehen zu können. Gleichzeitig entsteht mit ihrer Erschaffung jedoch sofort das Problem, wie solche Regelsysteme auf die Erfüllung der beabsichtigten Ziele beschränkt werden können. Im Jahr 2000 hat Oliver Williamson vier Ebenen der sozialen Analyse von Institutionen klassifiziert - informelle Institutionen, Sitten, Traditionen, Normen und Religion; formale Institutionen mit Regeln, die Eigentumsrechte, Sozialordnung, Rechtsinstitutionen und Bürokratie umfassen; Governance-Strukturen und ihre Koordinierung zur Einsparung von Transaktionskosten; sowie, viertens, dezentrale Entscheidungsfindung bei der Ressourcenallokation.

Laut Williamson befasst sich die NIÖ vorrangig mit den ökonomischen und politischen Auswirkungen formaler Regeln und von Governance-Strukturen. Für viele Schwellenländer sind es jedoch die Einbettung informeller Regeln, Normen und Überzeugungen und die Langsamkeit, mit der sie sich wandeln, die den Durchbruch der Volkswirtschaften zu modernerem Wachstum verhindern.

In seinem neuen Buch "The Origins of Political Order" versucht Francis Fukuyama, dieses Problem in Angriff zu nehmen. Er untersucht die Entstehung von drei Kategorien politischer Institutionen - Staat, Rechtsstaatlichkeit und rechenschaftspflichtige Regierung, wobei die beiden letztgenannten Beschränkungen des Staates sind, die ihn daran hindern, Willkür walten zu lassen.

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Fukuyama behauptet, dass Patrimonialismus - definiert als natürliche Neigung des Menschen, Familie und Freunde zu begünstigen - der Fluch für Rechtsstaatlichkeit und für verantwortliches Regierungshandeln ist. Patrimonialismus mag durchaus die größte Hürde für Länder auf ihrem Weg hin zu einer Demokratie der Mittelschicht sein - und ein zentraler Grund für die Fragilität autokratischer Staaten -, könnte aber auch ein allgemeines Merkmal aller politischen und ökonomischen Systeme darstellen.

Nehmen wir die aktuelle Debatte, ob Regierungen in Industrieländern von finanziellen Interessen gekapert worden sind - eine Frage, die Gillian Tett unlängst in der Zeitschrift "Foreign Affairs" aufgeworfen hat: "Sollten Regierungen die Finanzwirtschaft zügeln, um die Elite zu zerschlagen", so ihre Frage, "oder sollten sie Einkommensunterschiede und Sparvermögen einfach als unvermeidlichen Preis dynamischer Gesellschaften akzeptieren?"

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Angesichts der Rolle, die die unverminderte Ungleichheit bei sozialen Unruhen in aller Welt spielt, ist diese Frage nicht unerheblich. Die wirkliche Überraschung ist, dass Proteste wie etwa Occupy Wall Street so wenig Veränderung bewirkt haben. Was darauf schließen lässt, dass Institutionen, wenn sie erst einmal etabliert sind, beharrlich am Status quo festhalten.

Das ist insbesondere für die Wachstumsgeschichte Asiens von Bedeutung. Ehemalige britische Kolonien wie Indien und Malaysia haben das Common Law als Rechtssystem und das Checks-and-Balances-System geerbt, doch einige sind mit institutionellem Verfall, wachsender Korruption und schleichendem Patrimonialismus konfrontiert. Andere Volkswirtschaften wie etwa China suchen Wege, Rechtsstaatlichkeit zu etablieren, indem sie die institutionellen Rahmenbedingungen innerhalb der Struktur einer Einparteienherrschaft stärken.

Sowohl Fukuyama als auch North kommen zu dem Schluss, dass starke gelenkte Volkswirtschaften verantwortlich handeln können, aber fragil werden, wenn es die herrschenden Eliten versäumen, auf Mehrheiten im Volk und auf globale Verhaltens- und Governance-Normen einzugehen. North identifiziert Wettbewerb als treibende Kraft für die adaptive Effizienz von Institutionen.

Es ist in vielen Schwellenmärkten nicht das mangelnde Verständnis internationaler Best-Practice-Regeln, das die Wirtschaftsleistung bremst. Vielmehr ist es der Konflikt zwischen diesen Vorgehensweisen und den traditionellen oder nationalen sozialen Bezügen und Praktiken, der eigennützige Interessen festigt, die einem Wandel entgegenstehen.

 

  • FTD.de, 25.07.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 25.07.2012 17:02:54 Uhr   Müller: schöne Einleitung -. und dann?

    Äh...
    Nachdem die Autoren ihren Text schön theoretisch eingeleitet haben könnten sie doch mal ein bisschen Butter bei die Fische machen. Um welche Normen und Konfliktlinien geht es denn jetzt genau? Und was bewirken die?

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