Vitali Klitschko läuft in einem Tempo, als gelte es, seinen Weltmeistertitel zu verteidigen. Er rauscht in den Saal in Kiew, in dem sich an diesem Oktoberabend ein paar hundert vorwiegend junge Ukrainer versammelt haben. Der ukrainische Zweimeterboxer überragt alle anderen um Haupteslänge - auch die sechs jungen Männer, die sich kurz vorher noch zur Musik einer Rockband einen wilden Pogotanz geliefert haben. Es ist ein Auftritt, wie ihn US-Präsident Barack Obama hätte hinlegen können, energiegeladen, dynamisch, selbstsicher - eingeübt vor Hunderten von Boxkämpfen.
Doch diesmal ist der Gegner kein Boxer. Klitschko fordert die politische Elite der Ukraine heraus. Statt Faustschläge auszuteilen, muss er nun auf die Bühne und eine Rede halten. Es wird eine Vorstellung ohne Glanz und mit einigen Denkpausen. Natürlich kommen die landestypischen Phrasen vom Kampf gegen die Korruption vor, und natürlich verspricht auch Klitschko den Menschen, dass mit ihm alles besser wird: "Es geht um ein Gehalt, das nicht nur zum Überleben, sondern zum Leben reicht", ruft der Politiker und bekommt dafür zaghaften Applaus aus dem Publikum. Ein charismatischer Redner ist Klitschko eher nicht.
Mit einer Mischung aus Weltmeisterprominenz und Biederkeit aber hat es der Chef der ukrainischen Partei mit dem passenden Namen Udar (Schlag) geschafft, die politische Landschaft vor der Parlamentswahl Ende Oktober durcheinanderzuwirbeln. In den Umfragen liegt Udar mal auf Platz drei, mal wird sie auch als zweitstärkste Kraft geführt, noch vor dem Oppositionsbündnis von Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. "Klitschko ist die Sensation dieses Wahlkampfs", sagt der Kiewer Politikwissenschaftler Wolodimir Fesenko. "Wenn er gut abschneidet, dann könnte er einmal für das Amt des Präsidenten kandidieren." Als besonderer Erfolg gilt, dass es dem weltweit bekannten Sportler gelungen ist, in beiden Teilen des Landes annähernd gleich viele Unterstützer zu sammeln - sowohl in der in Richtung EU und Nato orientierten Westukraine als auch im zu Russland neigenden Ostteil. Ein Novum in der zerrissenen Ex-Sowjetrepublik.
Das Programm von Udar ist eine Mischung aus europafreundlichen Parolen und Reformankündigungen. Es gehe um "ein neues Verhältnis zwischen dem Staat und seinen Bürgern", heißt es in der Präambel. Gemeint ist, dass die Regierung künftig den Interessen der Menschen dienen und nicht sich selbst die Taschen füllen soll - ein Versprechen, das schon viele ukrainische Parteien abgegeben haben. Im Korruptionsindex von Transparency International liegt die Ukraine auf einem peinlichen Platz 134, gemeinsam mit Nigeria. Klitschko aber bringt eine gewisse Glaubwürdigkeit mit, weil er bereits über Geld verfügt und es im bewunderten Westen zu etwas gebracht hat. Ein derzeit in Kiew gängiger Witz besagt, dass der amtierende Boxweltmeister der einzige Politiker des Landes ist, der mit eigener Hände Arbeit reich geworden ist.
Doch selbst der von vielen verehrte Klitschko genießt keinen ganz untadeligen Ruf. Kritiker fragen sich, woher seine Partei das Geld für die recht üppige Wahlkampagne hat. Und wie meist in der Ukraine ranken sich um diese Frage viele Gerüchte. Dazu gehört auch der unbestätigte Verdacht, Klitschko werde von Industrieoligarchen aus dem Osten des Landes unterstützt, die in ihm ein Gegengewicht zur Mannschaft Timoschenkos sehen.
Derlei Gerüchte können der Kampagne Klitschkos aber bisher wenig anhaben. Vor allem bei jungen Leuten gilt der 41-Jährige, der sich gemeinsam mit Bruder Wladimir schon in der Orangen Revolution engagiert hat, als glaubwürdige Alternative. "Für uns ist wichtig, dass die Korruption aus dem Alltag verschwindet", sagt der Jungunternehmer Sascha Kolomyzenko, der auch zu dem Treffen mit Klitschko gekommen ist und sich als Mitarbeiter der Partei bezeichnet. "Es darf nicht mehr so sein, dass man sich ein gutes Examen an der Universität einfach kaufen kann", sagt er.
Udar versteht sich als Oppositionsbewegung und Klitschko hat bereits angekündigt, dass er mit der regierenden Partei der Regionen von Präsident Viktor Janukowitsch niemals zusammenarbeiten wird. Allerdings hält der Boxer auch die Timoschenko-Partei auf Distanz, nur mühsam einigten sich beide darauf, in einigen Direktwahlkreisen der anderen Seite den Vortritt zu lassen. Eine zu große Nähe zu Timoschenko wäre in dieser Phase des Wahlkampfs riskant: Die inhaftierte Politikerin, eine der reichsten Frauen der Ukraine, hat viele entschiedene Gegner im Land.
Nach seiner Rede beantwortet Klitschko noch ein paar Fragen und gibt dann Autogramme. Um ihn herum entsteht eine kleine Traube von Menschen. Es ist der Boxer, um dessen Unterschrift sich die Leute rangeln, nicht der Politiker. Aber Klitschko und seinen Mitarbeitern dürfte das egal sein. Auf den Fotos wird es später nach einem echten Andrang aussehen.