Selbst der Chef des US-Geheimdienstes scheint davor nicht gefeit: David Petraeus ist nach nur einem Jahr als CIA-Direktor wegen einer außerehelichen Affäre zurückgetreten. Der 60-jährige überreichte Präsident Barack Obama bereits am Donnerstag sein Rücktrittsgesuch - Obama nahm es dann am Freitag an.
Der hoch dekorierte Ex-General galt als Vorbild an Redlichkeit und Tapferkeit. Doch der frühere Oberbefehlshaber im Irak und in Afghanistan hatte zuletzt auch dienstlich Ärger mit dem Weißen Haus. Der CIA war im Zusammenhang mit der Ermordung des US-Botschafters in Libyen eine falsche Informationspolitik vorgeworfen worden.
Petraeus sollte in der kommenden Woche vor einem Kongressausschuss über die Vorkommnisse in Bengasi aussagen. Nach dem Anschlag auf das US-Konsulat am 11. September in der libyschen Stadt hatte die CIA Präsident Obama angeblich unzutreffend über die Hintergründe des Attentats informiert.
Der Anschlag, bei dem der US-Botschafter und drei weitere Amerikaner getötet worden waren, war später zum Wahlkampfthema geworden. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney warf Obama Fehleinschätzung und Irreführung im Fall Bengasi vor.
Nach dem Anschlag hatte die CIA Obama tagelang versichert, die Attacke sei aus einer spontanen Protestaktion erwachsen. Wie sich später herausstellte, handelte es sich aber um einen geplanten Terroranschlag von islamischen Extremisten am Jahrestag der Anschläge gegen die USA vom 11. September 2001. CIA-Kreise hatten sich damit gerechtfertigt, dass ihre Angaben zum damaligen Zeitpunkt dem Kenntnisstand entsprachen.
Präsident Barack Obama würdigte in einer Erklärung die langjährigen Verdienste von Petraeus und bestätigte den Rücktritt. Er ging in seiner Erklärung nicht auf die Gründe für den Rücktritt ein.
Petraeus sei "einer der herausragenden Generäle seiner Generation", hieß es in der schriftlichen Erklärung des Präsidenten. Er habe den US-Streitkräften geholfen, sich neuen Herausforderungen anzupassen, die Männer und Frauen in Uniform durch die Kriege im Irak und in Afghanistan geführt und dazu beigetragen, beide Einsätze "auf den Weg zu einem verantwortungsvollen Ende" zu führen.
Bei der CIA habe Petraeus dann weiter mit "charakteristischer intellektueller Präzision, mit Hingabe und Patriotismus" gedient, fuhr Obama fort. "David Petraeus hat unser Land sicherer gemacht."
Experten werteten das Ausscheiden von Petraeus so kurz nach Obamas Wiederwahl als einen schweren Schlag für den Präsidenten. Die erfolgreichen ersten Tage seiner zweiten Amtszeit werden durch Petraeus' Abgang überschattet.
Der CIA-Chef stürzt über private Schwierigkeiten und nicht über ein Versagen seines Geheimdienstes. Obama hat deshalb mehr ein Personal- als ein politisches Problem. Der Präsident muss mehrere Posten neu besetzen - darunter so bedeutende wie die des Finanzministers und Verteidigungsministers - und es gelten noch einige weitere Mitarbeiter im Kabinett als amtsmüde.
Petraeus galt zwar als republikanernah, war aber dennoch - oder gerade deswegen - als Kandidat für ein Ministeramt in der neuen Regierung gehandelt worden. Nun fehlt dem Präsidenten auf einem der hochrangigsten Posten in den USA ein weiterer Mitarbeiter. Als kommissarischer Nachfolger bei der CIA wurde Petraeus bisheriger Stellvertreter Michael Morell benannt, der möglicherweise später die Stelle des CIA-Chefs einnehmen soll. Auch einer von Petraeus' Vorgängern, George Tenet, war auf diese Weise zum Direktor aufgestiegen. Morell arbeitet seit langem als Analyst für die CIA. Er war Augenzeuge zweier historischer Ereignisse. Zum einen war er am 11. September 2001 mit dem Team des damaligen Präsidenten George Bush unterwegs. Und bereits als Vizepräsident der CIA verfolgte er am 1. Mai 2011 im Situation Room die Tötung Osama bin Ladens durch Navy SEALS.
Petraeus galt als einer der klügsten und angesehensten Figuren in der US-amerikanischen Politik. Er war eine Zeitlang auch als Vizepräsidentschaftskandidat in der Kampagne von Mitt Romney im Gespräch gewesen.
Die Sender MSNBC und CNN zitierten aus einer Mitteilung des pensionierten Vier-Sterne-Generals an seine Geheimdienstmitarbeiter. "Nach über 37 Ehejahren habe ich ein extrem schlechtes Urteilsvermögen gezeigt, indem ich eine außereheliche Beziehung unterhielt", schrieb der General an seine Mitarbeiter. "Ein solches Verhalten ist nicht zu rechtfertigen, weder als Ehemann noch als der Leiter einer Organisation wie unserer."
Petraeus gilt als Amerikas berühmtester lebender General. Er hatte im Irakkrieg die 101. Luftlandedivision nach Bagdad geführt und die US-Truppen im Irak befehligt. Später übernahm er das Oberkommando in Afghanistan. Seine Ernennung zum CIA-Chef im September 2011 wurde auch von den Republikanern unterstützt.
Der General galt unter den Soldaten als Legende - auch wegen seiner Fitness. Der Politikwissenschaftler hat einst an der Eliteuni Princeton promoviert. Thema: Die Lehren aus dem Vietnamkrieg für die US-Armee. Aus seiner Feder stammt auch der aktuelle Leitfaden der US-Streitkräfte zur Bekämpfung von Aufständen.
Der US-Sender MSNBC zeigt auf seiner Website folgenden Text als Brief von Petraeus an seine Mitarbeiter:
HEADQUARTERS Central Intelligence Agency
9 November 2012
Yesterday afternoon, I went to the White House and asked the President to be allowed, for personal reasons, to resign from my position as D/CIA. After being married for over 37 years, I showed extremely poor judgment by engaging in an extramarital affair. Such behavior is unacceptable, both as a husband and as the leader of an organization such as ours. This afternoon, the President graciously accepted my resignation.
As I depart Langley, I want you to know that it has been the greatest of privileges to have served with you, the officers of our Nation's Silent Service, a work force that is truly exceptional in every regard. Indeed, you did extraordinary work on a host of critical missions during my time as director, and I am deeply grateful to you for that.
Teddy Roosevelt once observed that life's greatest gift is the opportunity to work hard at work worth doing. I will always treasure my opportunity to have done that with you and I will always regret the circumstances that brought that work with you to an end.
Thank you for your extraordinary service to our country, and best wishes for continued success in the important endeavors that lie ahead for our country and our Agency.
With admiration and appreciation,
David H. Petraeus