Gina Loudon steht im Bergen Town Shoppingcenter im US-Bundesstaat New Jersey und ruft den angereisten Anhängern zu, was sie tun sollen, um das Schlimmste von ihrem Land abzuwenden: "Geht da rein und kauft, was das Zeug hält!" . An diesem Tag soll so viel Geld wie möglich in die Kassen der Biosupermarktkette Whole Foods gespült werden. Für die Freiheit, wie sie sagt, also gegen US-Präsident
Barack Obama und seine verhasste Gesundheitsreform.
"Wir haben die Kaufkraft, wir haben die Macht", ruft Loudon. Die Frau eines Senators in Missouri ist die Erfinderin des "Buycotts", der sich nun der Kette Whole Foods annimmt. Dessen Chef John Mackey hatte nämlich öffentlich die Gesundheitsreform kritisiert und wird seither dafür abgestraft. Loudon eilt ihm zu Hilfe - mit ihrer Tea Party Coalition, einer Bewegung von konservativen Bürgern, die gegen alles sind, wofür Präsident Obama steht.
Der Vorzeigeunternehmer Mackey, der den Amerikanern gesundes Essen bringt, regionale Farmer unterstützt, seine Angestellten krankenversichert und wegen all dieser Tugenden eigentlich ein Liebling der Linken im Land ist, hatte diese gründlich überrascht. In einem Artikel des "Wall Street Journal" verdammte er Obamas Gesundheitsreform als viel zu teuer. Der Staat solle sich da raushalten, so sein Credo. Unternehmen könnten das viel besser. Viele seiner Kunden in den Metropolen und Vorstädten reagierten entsetzt. Immer mehr Internetseiten schalten seitdem wilde Proteste, Gewerkschaften rufen zum Boykott auf. Die Kette steht am Pranger.
Gina Loudon dreht den Spieß um. Eine der ersten von "Buycott" organisierten Einkaufsaktionen in Saint Louis endet mit Rekordumsätzen für Whole Foods. 45.000 $ mehr als sonst nimmt die Filiale angeblich innerhalb von vier Stunden ein. Der erzkonservative Kabelsender Fox News rührt die Werbetrommel dazu. Es geht nicht mehr um das Gesundheitssystem, es geht um Grundsätzliches. "Obama ist kein echter Amerikaner, wir sind die Mehrheit", sagt Loudon.
Diese Mehrheit geht an diesem Abend in dem riesigen Bergen Town Center fast unter. Rund 60 Aktivisten sind gekommen, manche sind stundenlang gefahren und haben ehrliche Angst vor staatlicher Bevormundung. "Wir enden noch wie Kuba oder - schlimmer noch - wie Frankreich", befürchtet eine Rentnerin. Sie sammelt am Ausgang von Whole Foods die Kassenzettel der Protestkäufer ein, um später Bilanz zu ziehen. Nebenher verteilt sie Flugblätter gegen die Homo-Ehe.
Ein Fernsehsender sammelt Zitate. "Obama und Michelle wollen dieses Land radikal verändern, weil sie es hassen", sagt ein Mann in einem abgetragenen Pullover, auf dem groß die Flagge der USA gedruckt ist. Gina Loudon begutachtet derweil Bananen und Äpfel - und denkt schon über den Tag hinaus: "Viele von uns waren nie zuvor in einem Bioladen. Wir bringen Whole Foods ganz neue Käufergruppen."