Lange Zeit galten amerikanische Zeitungen und Zeitschriften weltweit als Vorbilder in Sachen investigative Recherche - nicht erst seitdem zwei Reporter der "Washington Post" einst den Watergate-Skandal enthüllt hatten. Doch dieser Ruf ist in den vergangenen Jahren arg ramponiert worden.
Zuerst erwischte es die "New York Times", die führende US-Tageszeitung schlechthin. Das Traditionsblatt musste vor zwei Jahren zugeben, dass ihr Reporter Jayson Blair nicht nur über Jahre Fakten und Zitate abgeschrieben oder verfälscht hatte. Manche Geschichten hatte er gar völlig frei erfunden. Und das, obwohl Mitglieder der Redaktion schon lange intern vor ihm gewarnt hatten. Seitenlang entschuldigte sich die Zeitung schließlich bei ihren Lesern, der Chefredakteur wurde ausgewechselt. Doch der Schock saß tief.
Fakten frei erfunden
Im vergangenen Jahr sorgte "USA Today", das auflagenstärkste Blatt des Landes, dennoch für ähnliche Schlagzeilen in eigener Sache: Die Infozeitung gestand, dass ihr Starreporter Jack Kelly mehr als 13 Jahre lang ebenfalls Zitate und Ereignisse aus anderen Publikationen übernommen oder frei erfunden hatte.
Ein weiterer Medien-Skandal sorgte während des Präsidentenwahlkampfs im Herbst für Aufsehen: Der Fernsehsender CBS musste eingestehen, dass ein Bericht über die angeblich privilegierte Behandlung von George W. Bush während seiner Zeit als Pilot der Nationalgarde auf gefälschten Dokumenten beruhte. Dabei waren die verantwortlichen Journalisten bei ihrer Recherche von skeptischen Fachleuten zur Vorsicht gemahnt worden. Doch sie überprüften die Herkunft und Echtheit der ihnen zugespielten Papiere nicht.
Konkurrenzdruck und Geltungssucht
In all diesen Fällen machen Experten den starken Konkurrenzdruck unter den amerikanischen Medien, Profilierungssucht mancher Journalisten und mangelnde interne Kontrollen für die Fehlleistungen verantwortlich. Interne Untersuchungen, die die beiden Zeitungen und CBS veranlassten, prangerten aber auch die häufige Verwendung anonymer Quellen an: sie macht es Journalisten leicht, gefälschte oder nicht überprüfte und überprüfbare Zitate und Fakten in die Welt zu setzen.
Auch bei dem jetzt zurückgezogenen "Newsweek"-Bericht hatte Michael Isikoff, einer der Stars des Magazins, sich auf einen nicht genannten Gewährsmann in der US-Regierung berufen. Der habe ihm die Geschichte von dem Koran gesteckt, den ein Vernehmer im Lager Guatanamo angeblich in der Toilette heruntergespült hatte.
Erst als daraufhin in Afghanistan und anderen islamischen Ländern Unruhen ausbrachen, bei denen 17 Menschen starben, fragte Isikoff bei seiner Quelle noch einmal nach. Der Informant war sich nun aber nicht mehr sicher - "Newsweek" zog die Geschichte bedauernd zurück. Doch der angerichtete Schaden wird auch in diesem Fall nicht so leicht zu beheben sein.