Ein kühler Wind fegt über den See, und es beginnt zu regnen, ausgerechnet jetzt. "Verdammt noch mal. Jetzt muss Obama aber 'ne sensationelle Rede halten", sagt Jim gereizt und zieht seine Jacke zu. Der Student wartet mit seiner Freundin Maria in einer schier endlosen Schlange auf dem Campus der Uni Madison, wo der US-Präsident gleich unter freiem Himmel sprechen wird. Sie nickt. "Nach dem beschissenen Auftritt gestern muss er heute alles geben." Ein paar Jungs brummen zustimmend. "It'd better be good."
Es ist der Tag nach der ersten TV-Debatte, einem nationalen Ereignis. Wer in den Duellen die Gunst der Zuschauer gewinnen kann, hat gute Chancen, ins Weiße Haus einzuziehen. Zumindest die erste Runde entscheidet Obamas Herausforderer Mitt Romney eindeutig für sich: Zackig bringt der seine Argumente vor, Obama dagegen bleibt passiv, verliert sich in ellenlangen Sätzen und richtet den Blick allzu oft gen Boden.
Die Rede vor den Studenten von Wisconsins liberaler Hauptstadt Madison ist Obamas Chance, die Scharte vom Vorabend auszuwetzen und in dem ansonsten konservativen Swing State wichtige Stimmen zu gewinnen. "Ich hab ihn schon ein paar Mal gesehen und nie hatte ich Bedenken. Heute schon", sagt Maria, die ihr Studium vor einem Jahr abgeschlossen hat und jetzt in einer Bank arbeitet.
Doch der Präsident lässt auf sich warten. Dicht gedrängt stehen die fast 30.000 Menschen, Countrymusik dröhnt aus den Boxen, die Zeit zieht sich wie Kaugummi. Fast vier Stunden später ist es soweit: Barack Obama betritt die Bühne, winkt in Khakihosen und einer dunkelblauen Jacke in die Menge. Jubel brandet auf, und Maria ruft: "Er sieht so gut aus!"
Der US-Präsident schaltet sofort auf Angriff. "Wer war denn dieser Typ, der da gestern mit mir im Fernsehen aufgetreten ist? Er hat behauptet, Mitt Romney zu sein. Aber er konnte es nicht sein, denn der echte Mitt Romney fährt die ganze Zeit durchs Land und verspricht Steuererleichterungen für die Reichen. Der Typ gestern wollte davon plötzlich nichts mehr wissen!" Gelächter, Maria sagt ernst: "Ja verdammt, bloß warum hat er das nicht schon gestern im Fernsehen gesagt?"
Obama hat sich unterdessen in Schwung geredet und hackt darauf herum, dass Romney die mickrigen staatlichen Zuschüsse für den Fernsehsender PBS streichen will. "Laut Mitt Romney ist das Problem also nicht die Wall Street, sondern die Sesamstraße! Ich wusste nicht, dass Big Bird für das Haushaltsloch verantwortlich ist!" Die Menge johlt, Applaus brandet auf. Schnell ist es wieder still.
Obama wendet sich jetzt zielgruppengerecht dem Thema Bildung zu. "Es kann nicht sein, dass Studenten am Ende ihres Studiums bis zum Hals in Schulden stecken, die sie dann über Jahrzehnte zurückzahlen müssen!" "Verdammt wahr, verdammt wahr", sagt Jim. Wenn er sein Studium nächstes Jahr beendet hat, wird er mehr als 100.000 Dollar Schulden haben. "Die Einstiegsgehälter hier liegen aber nur so bei 30.000 Dollar. Da kannste dir jetzt ausrechnen, wie lange ich das abstottern muss."
Nach rund 20 Minuten ruft Obama seine Schlussworte: "Ich glaube an Amerika und die Menschen in diesem Land. Ich bitte euch, an mich zu glauben, ich bitte euch um eure Stimme. Wir werden Madison wieder gewinnen, wir werden Wisconsin gewinnen, wir werden die Präsidentschaftswahlen gewinnen. Wir werden beenden, was wir 2008 begonnen haben. Und wir werden die Welt daran erinnern, warum die Vereinigten Staaten das großartigste Land der Welt sind. God bless America!" Die Menge applaudiert eifrig, irgendjemand johlt.
Auch Jim und Maria klatschen. Sie sagt nachdenklich: "2008 und auch noch vor zwei Jahren war die Stimmung bei seinen Reden sensationell. Aber diese Begeisterung ist weg." "Er ist ein guter Redner", sagt Jim. "Aber noch mal antun würde ich mir das Ganze nicht, das ist es echt nicht wert." Seine Freundin nickt. Als Obama vorn an der Bühne noch Hände schüttelt, sind die beiden schon auf dem Weg zu ihrem Auto.