Der Lake Michigan ist sehr weit weg vom Strand in Miami. Und am Ende ist Florida dann auch egal. Barack Obamas Anhänger in Chicago haben in den letzten Tagen und Wochen alles gegeben für ihren Präsidenten, und viele wurden dafür mit einem Ticket zur Wahlparty im McCormick Place belohnt. Nun sind sie zum Feiern hier, schlechte Nachrichten wollen sie gar nicht hören. Als Obama als Sieger im Swing State Wisconsin fest steht, wird auf der großen Leinwand in der Halle die Wahlberichterstattung von CNN eingeschaltet. Als der Moderator danach wieder darüber redet, wie eng es in Florida ist, wird er wieder abgedreht.
"You are the only one", schallt es durch den Saal. "Oh, oh. I know I'll get you some day." Dazu kann man sich besser im Takt wiegen als zum CNN-Moderator Wolf Blitzer. Aber dann passiert es: Iowa! Ein weiterer Staat im Mittleren Westen fällt an den Präsidenten. Es ist der Staat, in dem sein Aufstieg in einer kalten Winternacht im Januar 2008 mit dem ersten Vorwahlsieg gegen Hillary Clinton begonnen hatte. Und wenn der Demokrat im Mittleren Westen abräumt, kann er auf Florida verzichten. Außer Indiana hat er alle Staaten ringsum gewonnen: Minnesota, Wisconsin, Michigan, Iowa und natürlich seine Heimat Illinois. Amerikas Große Seen liegen an diesem Abend mitten im Obama-Land.
Zeit für einen Musikwechsel. "Twist and Shout", heißt der neue Song. Jetzt ist Stimmung im Saal: Mit hoch gerissenen Armen drängt ein Strom von Menschen in die Mitte. Die schon dort sind, schwenken die Hüften und klatschen ausgelassen. So tanzen sie zwei Stunden lang, bis der Republikaner Mitt Romney seine Niederlage eingesteht, und noch einmal eine halbe Stunde. Dann erst kommt die erste Familie: Barack und Michelle Obama mit ihren Töchtern Sasha und Malia, die vor vier Jahren noch kleine Mädchen waren und heute Teenager sind.
"Four more years", skandiert das Publikum, vier weitere Jahre. Obama sieht erschöpft aus - und erleichtert. "Unser Weg war hart und unsere Reise war lang", greift er das Thema auf, das er auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise bei seiner Amtseinführung gesetzt hatte. Aber am Wahlabend sieht es aus, als gingen die vier mageren Jahre ihrem Ende zu. Die jüngsten Zahlen am Arbeitsmarkt waren ermutigend, die Wirtschaft scheint endlich wieder Fahrt aufzunehmen. "Wir haben uns wieder aufgerichtet, uns den Weg wieder frei gekämpft und wir wissen in unseren Herzen, dass das Beste für Amerika noch vor uns liegt", sagt Obama.
In diesen Worten steckt eine tröstliche Botschaft für seine Anhänger: Ihre Geduld hat sich gelohnt. "Ich will den gleichen Wandel wie 2008", sagt Victor Hugo, der tatsächlich so heißt wie der große Dichter. "Wandel ist ein Prozess, kein Ereignis", sagt der junge Mann, der "für die Regierung" arbeitet. Er hat persönlich Geld für die Kampagne gespendet und lebt in der 55th Street im Viertel Hyde Park. Damit ist er quasi ein Nachbar der Obamas.
Wie er haben auch die anderen im Saal über den Enttäuschungen der letzten Jahre ihre Obama-Begeisterung nicht verloren. Der 55 Jahre alte arbeitslose Industriearbeiter Steve Lockwood hatte "genug von Gift und Galle, die die andere Seite spuckt". Er machte das Beste aus seiner Situation, indem er in seiner freien Zeit an Türen klopfte und für den Mann warb, der für soziale Gerechtigkeit eintritt und seiner Meinung nach Jobs wie den seinen zurück in die USA holen könnte. Auch die 25jährige Afro-Amerikanerin Amber Beamon, die sich zu Feier des Tages rosa Federn ins Haar geflochten hat, nimmt es ihrem Helden nicht übel, dass sie in der Wirtschaftskrise ihre Koordinatoren-Stelle bei einer Internet-Hochschule verlor. "Er ist kein Supermann", sagte sie. "Aber er ist ein aufrichtiger Politiker. Dafür liebe ich ihn."
Der Demokrat hat wieder gezeigt, wie gut er mobilisieren kann. Seine Kampagne hat am Schluss noch einmal alles aufgeboten. Im Obama-Büro in der Wabash Street in Chicago machten die Freiwilligen bis zur letzten Minute Wahlkampf.130 Helfer kamen in den vier Tagen vor der Wahl, um pro Tag 20.000 Anrufe an Wähler in den entscheidenden Staaten Ohio, Iowa und Wisconsin abzusetzen oder mit Bussen selbst dort hin zu fahren. Die Wähler seien am Ende echt genervt gewesen, berichtete die Obama-Veteranin Cathy Yoshimoro. Sie habe Verständnis für die Wahlkampfmüdigkeit. "Aber das hier ist Krieg", sagte sie - und meinte damit auch, dass es auf beiden Seiten einer der fiesesten Wahlkämpfe aller Zeiten war.
Aber nun schweigen die Waffen. Romney wünscht dem Sieger alles Gute. Obama spricht von der "perfekten Union", die es zu schmieden gelte. "Während jeder von uns seine individuellen Träume verfolgt, stehen und fallen wir zusammen als Nation", ruft Obama den Gästen in seiner Wahlnacht zu. Er spricht von der Verantwortung, die mit den Rechten einhergehe, die die Amerikaner genießen, und erntet tosenden Applaus. Die Demokraten haben den Krieg gewonnen und Obama kehrt zu den Themen zurück, die er schon 2004 gesetzt hatte, als der damals noch unbekannte Senator die Eröffnungsrede auf dem Demokratischen Parteitag in Boston hielt. Er spricht von dem "roten und dem blauen Amerika", die es zu einen gelte.
Von diesem Versprechen war im vergifteten Klima der letzten Jahre nicht viel übrig geblieben. Obama hat nun weitere vier Jahre Zeit, um es zu versuchen. Er winkt, er schluckt, er sieht gerührt aus. Dann regnet es Konfetti in den Nationalfarben rot, weiß und blau.
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