In Brüssel scheint man es geahnt zu haben. Über 100 Wahlbeobachter hatte die EU in die USA entsendet, um zu überwachen, wie der mächtigste Mann der Welt gekürt wird. Viel Kritik hatte es dafür gegeben, vor allem von konservativer Seite. Doch als die ersten Bilder aus Amerika kamen, fühlte man sich bestätigt.
Denn zu beobachten gab es reichlich: defekte Wahlmaschinen, verwirrte Wähler, überforderte und uninformierte Wahlhelfer. Aus dem ganzen Land kamen Berichte von langen Schlangen vor den Wahllokalen. "Die Wahlen von 2012 sind ohnegleichen", resümierte Eric Marshall, Direktor von Election Protection. Mehr als 88.000 Beschwerden waren bei der Organisation binnen Stunden eingegangen. Die Behörden hätten es versäumt, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren, so Marshall. "Jetzt hat sich die Geschichte wiederholt."
Wie konnte das passieren? Sollte nicht die älteste Demokratie der Welt wissen, wie freie und faire Wahlen organisiert werden?
Wer beispielsweise an New Yorks Upper East Side abstimmen wollte, musste sich über mehrere Blocks anstellen. Schulkinder brachten Sandwiches und heiße Getränke. Kein Wähler sollte an die Kälte verloren werden. Im Bundesstaat Pennsylvania musste eine defekte Wahlmaschine stillgelegt werden. Der Automat hatte Barack-Obama-Stimmen für Mitt Romney gewertet. In Florida bekamen 12.000 Stimmberechtigte noch am Dienstag - dem Wahltag - automatische Anrufe, sie hätten bis Mittwochmittag Zeit, zu votieren. In Kansas gab es noch Schlangen vor den Wahllokalen, als die Auszählung längst lief.
"Viele Wahllokale waren überhaupt nicht für den Ansturm ausgelegt", sagt OSZE-Mitarbeiter Andreas Nothelle. Kritiker bemängeln die Ausbildung der Wahlhelfer: Kontrollen seien aufgrund der schieren Masse schwierig und machten Wahlbetrug und Manipulation einfacher. Hinzu kommen zahlreiche unterschiedliche Wahlgesetze der einzelnen Bundesstaaten: Im ganzen Land gibt es gut 13.000 Wahlbehörden. "Die Amerikaner glauben an ihre Dezentralisierung", sagt Nothelle. 1837 habe das Land zum letzten Mal versucht, das Wahlgesetz zu vereinheitlichen - vergeblich. Eine parteiübergreifende Mehrheit hierfür sei undenkbar.
Aus dem Land des Schlangestehens kam dafür Spott: "Wenn in Großbritannien jemand länger als zehn Minuten warten müsste", witzelte das BBC-Moderatorenurgestein David Dimbleby in der Wahlnacht, "wäre er längst wieder auf dem Heimweg." Auch Obama hat das Problem erkannt: "Das müssen wir beheben", sagte er in seiner Siegesrede. Der Mann weiß, wovon er spricht: An der Universität Chicago lehrte der Jurist jahrelang Wahlrecht.