Weniger Obama-Euphorie in der Wahlnacht als 2008? Die Nachricht hat den Castro nicht erreicht. Der Schwulenbezirk von San Francisco tobt. "Für uns wäre ein Romney-Sieg ein riesiger Rückschritt gewesen, aber der Kampf für gleichgeschlechtliche Ehen, soziale Gerechtigkeit und eine progressivere Politik geht trotz Obama erst richtig los", schreit Nick Wagner, bevor er sich mit seinem Freund wieder ins Getümmel stürzt. An die tausend Menschen tanzen dichtgedrängt auf offener Straße zu House-Musik, jubeln und halten die Wahlnacht auf ihren iPhones fest.
Die Polizei hat das Zentrum des Bezirks zwischen der Market Street und der 18th Street gesperrt, die Organisatoren haben zwischen dem zielgruppengerecht benannnten “Hot Cookie”-Keksladen und dem Art-déco-Kinopalast Castro Theatre eine Bühne aufgebaut. Von dort oben wird die Masse nicht nur vom DJ beschallt. Vor einer riesigen Leinwand, auf der abwechslungsweise der wiedergewählte Präsident, Tweets und Artikel zum Kampf um gleichgeschlechtliche Ehen zu sehen sind, rufen Redner den Leuten zu, dass es “um eure Zukunft” geht. “Are you fired up?”, wird die Menge immer wieder gefragt. “Wir ziehen vor den Supreme Court!”
Die laute Antwort der pulsierenden Menge lässt keine Zweifel aufkommen: Sie brennt darauf, dass die Richter des Obersten US-Gerichts entscheiden werden, den Fall um die Legalität gleichgeschlechtlicher Ehen anzuhören. Es geht um das 2010 in Kalifornien für verfassungswidrig erklärte Verbot von Homo-Ehen. Wähler hatten 2008 knapp die heftig umkämpfte “Proposition 8” angenommen, die die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern in Kalifornien nach nur wenigen Monaten wieder illegal machte.
Im Castro gibt es am Dienstagabend einiges zu feiern. Nicht nur Obama und dessen progressivere Politik, sondern auch den brechenden Widerstand gegen Homo-Ehen im Land: Wähler in Maine und Maryland haben für die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen gestimmt. Auch im Bundesstaat Washington im Nordwesten der USA dürften die Wähler die Anerkennung der Homo-Ehen befürwortet haben. Beim Eintreffen von Briefwahl-Stimmen kommt es zu Verzögerungen, weshalb das endgültige Ergebnis erst Ende der Woche bekannt gegeben werden kann.
Der Wahlausgang ist ein entscheidender Moment. Zwar haben Gesetzesgeber und Gerichte in sechs Bundesstaaten sowie im District of Columbia Homo-Ehen legalisiert. Aber mit Maine, Maryland und Washington räumen Wähler gleichgeschlechtlichen Paaren das erste Mal in den USA das Recht auf Heirat per Wahl ein. “Danke, dass ihr uns Familien ermöglicht”, steht auf dem Plakat eines strahlenden Castro-Besuchers. Trotz allem - die Toleranz grassiert nicht: Wähler in über 30 Bundesstaaten haben verfassungsrechtliche Verbote gleichgeschlechtlicher Ehen angenommen.
Und dann gilt es am Wahlabend in San Francisco natürlich auch Tammy Baldwin zu feiern. Mit der Demokratin aus Wisconsin zieht zum ersten Mal eine bekennende Lesbe in den US-Senat ein. Baldwin machte gleich zwei Mal Geschichte: Mit ihr hat Wisconsin auch zum ersten Mal eine Frau in den Senat gewählt. Der Senat befinde sich damit “mehr in Übereinstimmung mit Amerika”, sagte Baldwin dem Nachrichtensender CNN. Klassy Goldberg twitterte aus dem Castro in die Welt: “Es gibt eine Lesbe im US-Senat - ES WIRD TATSÄCHLICH BESSER!”
Ein Wermutstropfen: Auf der Straße ist kein Alkohol erlaubt. Das heißt aber nicht, dass hier alle nüchtern wären. Im Gegenteil. Wer im Harvey’s, Moby Dick, in der Twin Peaks Tavern oder einer der anderen unzähligen Bars im Castro keinen Platz findet, kommt ein paar hundert Meter auf der Market Street in der Obama-Wahlkampfzentrale auf seine Rechnung - kostenlos. Im zweiten Stock über dem Obama-Wahlbüro gibt es nicht nur Sushi, Braten, Käse, Salate und Desserts, sondern auch gut bestückte Bars. Das Gedränge ist riesig. Ob San Franciscos Bürgermeister Ed Lee noch hier oder schon weiter gezogen ist auf die feinere Party im Fairmont Hotel, wo die wiedergewählte US-Senatorin Dianne Feinstein feiert, ist nicht auszumachen. Das ist den Leuten hier aber auch völlig schnuppe. “We did it!”, hört man überall, alles umarmt sich, und Freddie Mercury schmettert “We Are the Champions” durch den überhitzten Saal.