Die Schlacht ist geschlagen - der Sieger heißt Barack Obama. Hier finden Sie die aktuellsten Nachrichten und Reportagen, Analysen und Kommentare zum politischen Weltereignis in den USA.
Bis vor wenigen Tagen waren Amerikas religiös-konservative Wähler auf den republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain nicht gut zu sprechen. Der Senator galt in Kreisen der religiösen Rechten als zu liberal und politisch unzuverlässig. Zwar ist McCain ein erklärter Gegner von Abtreibungen und gleichgeschlechtlichen Ehen, seine Unterstützung für die Stammzellenforschung und seine betonte Distanz zu christlichen Politaktivisten machten ihn jedoch suspekt.
Mit der Ernennung von Sarah Palin zu seiner Vizekandidatin hat McCain das auf einen Schlag geändert. Unter den für den Republikaner äußerst wichtigen religiösen Lobbygruppen und sogenannten Wertewählern - Bürgern, für die moralischen Themen wie Abtreibung oder Homoehe wahlentscheidend sind - kennt die Begeisterung über die ebenso religiöse wie konservative 44-jährige Gouverneurin von Alaska derzeit kaum Grenzen. "Unserer Ansicht nach hat Senator McCain eine hervorragende Wahl getroffen", lobt David Nammo von der einflussreichen Organisation Family Research Council.
Die Auswahl Palins werde bei vielen christlichen Wählern die Zweifel an McCain ausräumen. Andere religiös-konservative Organisationen und Aktivisten, deren Anhänger für eine Wahlkampagne ein wertvolles Reservoir an freiwilligen Helfern darstellen, stimmten in die Lobeshymnen ein - darunter James Dobson, Chef der Lobbygruppe Focus on the Family, der McCain bisher offen feindselig gegenüberstand und angekündigt hatte, im November nicht für ihn stimmen zu wollen. In einer Erklärung pries Dobson Palin nun als "herausragende Wahl, die für die konservative Basis der Partei äußerst beruhigend" sei.
Dobsons Drohung mit Stimmentzug dürfte ein wichtiger Grund gewesen sein, warum McCains Wahl auf Palin fiel. Gläubige Christen gehören zu den wichtigsten Stammwählern der Republikaner, in einigen wichtigen Bundesstaaten können sie über Sieg oder Niederlage entscheiden, zum Beispiel in Ohio, wo vor vier Jahren das Rennen ums Weiße Haus entschieden wurde. Bisher war es McCain jedoch nicht gelungen, diese Gruppe, die 2000 und 2004 entscheidend zu den Siegen von Präsident George W. Bush beitrug, hinter sich zu scharen. Während der republikanischen Vorwahlen begeisterten sich die Religiösen in erster Linie für den Baptistenprediger Mike Huckabee.
Die Gefahr, dass diese Wähler zu den Demokraten überlaufen könnten, ist zwar gering. Doch McCain musste fürchten, dass viele religiöse Wähler am Wahltag zu Hause bleiben würden.
Unterm Strich hätte das einen womöglich entscheidenden Vorteil für den Demokraten Barack Obama bedeuten können - zumal sich Obama stärker als frühere demokratische Kandidaten um die Stimmen dieser Wähler bemüht. Er spricht offen über seinen christlichen Glauben und hat zugesagt, das von Präsident Bush begonnene staatliche Finanzierungsprogramm für konfessionelle Sozialeinrichtungen auszubauen.
Die gängige Deutung ist daher, dass Palins Ernennung zur Vizekandidatin vor allem einen Zweck hat: Die Gouverneurin soll als Magnet für die Millionen religiösen Wertewähler dienen, die sich mit dem Hauptkandidaten bislang nicht anfreunden konnten.
Für diese Aufgabe scheint Palin ausgesprochen gut geeignet. Die junge Gouverneurin des nördlichsten US-Bundesstaats, die erst vor wenigen Monaten erstmals einen Pass für eine Auslandsreise beantragte, vertritt bei allen Themen, die den Religiösen wichtig sind, eine harte Linie: Die fünffache Mutter ist eine entschiedene Abtreibungsgegnerin, sie lehnt Homoehen ab. Zudem fordert sie, in Schulen nicht nur die Evolutionstheorie, sondern auch das sogenannte Intelligent Design zu lehren, eine Art wissenschaftlich verbrämte Version der biblischen Schöpfungsgeschichte - eins der wichtigsten und politisch umstrittensten Anliegen der religiösen Rechten. Einen Kratzer könnte dem Image allerdings versetzen, dass die Kampagne am Montag bekannt gab, die 17-jährige Tochter Palins sei schwanger. Sie werde den Kindsvater heiraten, hieß es sogleich.
McCain hat seine Annäherung an die christliche Rechte schon seit einigen Monaten betrieben. Einen wichtigen Erfolg verbuchte er Mitte August bei einem gemeinsamen Auftritt mit Obama in einer wichtigen evangelikalen Großgemeinde in Kalifornien, der Saddleback Church. Dort wurde er gefragt, zu welchem Zeitpunkt seiner Ansicht nach das Leben beginne - ein Lackmustest für die religiöse Rechte, die Abtreibungen als Mord verurteilt. McCain zögerte nicht und gab die für das tiefgläubige Publikum einzig richtige Antwort: "Bei der Zeugung." Der Demokrat Obama drückte sich dagegen um eine ähnlich klare Antwort.
Konservative Kommentatoren werteten bereits McCains Auftritt in der Saddleback Church als Wendepunkt in seinem Verhältnis zur religiösen Basis. Palins Auswahl werde die neue Verbundenheit festigen, lautet nun die Einschätzung. Sie sei "ein absoluter Volltreffer, der die Wertewähler elektrisieren wird", so der prominente christlich-konservative Politaktivist Gary Bauer.