Auf diesen Moment hatten Homosexuelle in den USA fast vier Jahre lang gewartet. Am Mittwoch sprang Barack Obama über seinen Schatten und bezog eine klare Position zu einem Thema, das die Nation spaltet: Als erster US-Präsident sprach er sich dafür aus, dass gleichgeschlechtliche Paare heiraten dürfen. In Schwulen- und Lesbenbars von New York bis Hollywood brachen spontane Jubelfeiern aus. Aus konservativen Kreisen hagelte es den erwartbaren Protest. "Meiner Ansicht nach ist die Ehe eine Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau", stellte der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney klar.
Mit der Festlegung geht Obama im Wahljahr ein Risiko ein. Zwar ist die Akzeptanz der Homo-Ehe in der öffentlichen Meinung in den USA in jüngster Zeit stark gestiegen. Doch bleibt das Land in der Frage in der Mitte gespalten. 50 Prozent der Bevölkerung sind nach einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage des Forschungsinstitutes Gallup dafür, dass Schwule und Lesben den Bund der Ehe eingehen können, 48 Prozent lehnen dieses Recht ab.
Obamas Position zur Homo-Ehe dürfte die linke Basis mobilisieren, die sich gewünscht hatte, dass der Präsident sich mutiger zu sozialliberalen Anliegen bekennt. Zugleich könnte sie mächtige konservative Geldgeber veranlassen, mehr in den Wahlkampf seines Gegners Romney zu investieren. Und sie könnte ausgerechnet in einer Reihe von Wahl entscheidenden Staaten mehr Wähler in die Arme der Republikaner treiben. Der Südstaat North Carolina etwa, den Obama 2008 gewonnen hatte, stimmte erst am Dienstag in einem Referendum darüber ab, das Verbot der Homo-Ehe in der Verfassung zu verankern. 30 der 50 US-Staaten haben solche Verfassungszusätze. Dagegen stellen derzeit nur sieben Staaten Ehescheine für gleichgeschlechtliche Paare aus.
In einem am Mittwochnachmittag ausgestrahlten Interview mit dem Sender ABC beschrieb Obama, der als Senatskandidat 2004 die Ehe als heiligen Bund zwischen Mann und Frau bezeichnet hatte, den Weg zu seiner heutigen Position. Er habe über Freunde und Mitarbeiter nachgedacht, die in treuen gleichgeschlechtlichen Beziehungen lebten, sagte er. Seine Töchter Sasha und Malia hätten Freunde, die von gleichgeschlechtlichen Eltern groß gezogen würden. Die Haltung zur Homo-Ehe sei eine "Generationenfrage".
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Die Ankündigung des Präsidenten war eine Flucht nach vorne. Seine Position zur Homo-Ehe sei "in der Entwicklung", hatte es bisher aus dem Weißen Haus geheißen. Den Abschluss der Entwicklung wollte Obama nach Medienberichten vor dem Demokratischen Parteitag im September verkünden. Doch sein Vize Joe Biden, der für sein flottes Mundwerk bekannt ist, machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Er fühle sich "absolut wohl" damit, dass Männer Männer und Frauen Frauen heirateten, sagte er am Sonntag im Fernsehsender NBC. In den beiden Tagen danach verhedderte sich Obamas Sprecher Jay Carney bei dem Versuch, die Position des Präsidenten zu erklären - bis sein Chef dem Leiden in einem hastig anberaumten Interview mit dem Sender ABC am Mittwoch ein Ende setzte.
Charles Kaiser, Autor eines bekannten Buches über die Schwulenbewegung in Amerika, verglich die unter Obama erzielten Fortschritte in einem Kommentar für die Internetseite von CNN mit der Bürgerrechtsgesetzgebung, die in den 1960er Jahren die Diskriminierung der Schwarzen beendete. Die Obama-Regierung brachte den Kongress dazu, ein Gesetz zu widerrufen, das es Schwulen und Lesben verbot, offen im Militär zu dienen. Und sie verzichtete darauf, sich vor Gericht für die Einhaltung eines Gesetzes einzusetzen, wonach Staaten eine in einem anderen US-Staat geschlossene gleichgeschlechtliche Verbindung nicht anerkennen müssen. Die Entscheidung, ob sie die Homo-Ehe einführen, bleibt allerdings Sache der einzelnen Staaten. Daran will auch Obama nicht rütteln.