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Merken   Drucken   01.05.2012, 13:38 Schriftgröße: AAA

USA und China: Die siamesischen Zwillinge der Weltwirtschaft

Kommentar Im direkten Wettbewerb der beiden Großmächte kann es keinen Sieger geben: China braucht die amerikanischen Innovationen, und die USA sind angewiesen auf den chinesischen Markt.
von Michael Spence

Michael Spence ist Nobelpreisträger für Ökonomie und Professor an der Stern School of Business der New York University.

China und die USA durchlaufen derzeit wichtige strukturelle Veränderungen, von denen beide annehmen, dass sie sie die goldenen Zeiten, in denen China billige Waren produzierte und die USA diese kauften, beenden werden. Viele befürchten insbesondere, dass - falls diese Veränderungen zu einem direkten Wettbewerb zwischen den beiden Ländern führen sollten - nur eine Seite gewinnen kann.

Diese Furcht ist verständlich, ihr liegt jedoch eine falsche Prämisse zugrunde. Von der Entwicklung einer neuen Beziehung, die die sich verändernden strukturellen Realitäten widerspiegelt - Chinas Wachstum und Größe im Verhältnis zu den USA, den rapiden technologischen Wandel und die Evolution globaler Lieferketten, die durch steigende Einkommen der Entwicklungsländer angetrieben wird -, können und sollten beide Seiten profitieren. Doch zunächst müssen beide anerkennen, dass das alte Muster einer für beide profitablen Interdependenz ausgedient hat und ein neues Modell benötigt wird.

Das alte Modell leistete beiden Seiten drei Jahrzehnte gute Dienste. Chinas Wachstum wurde durch arbeitsintensive Exporte angetrieben, die dank Technologie- und Wissenstransfers aus den USA und anderen Westländern konkurrenzfähiger gemacht wurden. Im Verbund mit den enormen öffentlichen und privaten Investitionen in China (möglich gemacht durch hohe und zuletzt exzessive Ersparnisse) stützte dies die wachsenden Einkommen vieler Chinesen.

Michael Spence   Michael Spence

Die US-Verbraucher andererseits profitierten im Sektor der handelbaren Güter enorm von den sinkenden relativen Preisen der produzierten Waren. Entsprechend verlagerte sich die Beschäftigung in den USA auf Aktivitäten mit höherer Wertschöpfung, was wiederum zu einem Anstieg der Einkommen in Amerika beitrug.

Multinationale Unternehmen betrieben immer effizientere und komplexere globale Lieferketten, die so umkonfiguriert werden konnten, wie es das sich wandelnde Muster der vorherrschenden Wettbewerbsvorteile diktierte. Die globalen Lieferketten verliefen überwiegend von Ost nach West, was die Zusammensetzung und Verortung der Nachfrage im Bereich der handelbaren Güter innerhalb der Weltwirtschaft widerspiegelte.

All das ändert sich gerade. Die Vorteile verlagern sich von den Kosten zum Wachstum. Die Lieferketten verlaufen inzwischen in beide Richtungen und werden auf neuartige Weise kombiniert. Die chinesische Nachfrage wächst nicht bloß, sondern verlagert sich angesichts steigender Einkommen auf höher entwickelte Waren und Dienstleistungen.

Damit verändert sich die Rolle Chinas: Ehemals Billiglieferant des Westens, wird es nun zu einem bedeutenden Kunden für westliche Produkte. Dies bietet den hoch entwickelten Volkswirtschaften eine wichtige Gelegenheit, Wachstum und Beschäftigung wieder ins Gleichgewicht zu bringen - vorausgesetzt, sie sind so aufgestellt, dass sie um die entsprechenden Teile der sich herausbildenden Lieferketten konkurrieren können.

Das Wachstum in China schwächelt. Für die Weltwirtschaft ist das ...

 

Zum Ergebnis Alle Umfragen

Die steigenden chinesischen Einkommen implizieren zugleich einen Strukturwandel in China. Die Ansprüche auf höherwertige Tätigkeiten wachsen. Technologie und Wissen werden wichtig bleiben, aber China muss zusätzlich zur Absorbierung westlicher Werkzeuge und Fähigkeiten beginnen, selbst neue Technologien zu entwickeln.

Um die Herausforderungen dieses Strukturwandels zu bewältigen, sollte das Ziel der US-Politik darin bestehen, den Umfang des Handels auszuweiten - mit Fokus auf die Beschäftigung. Eine Neuorientierung in der US-Politik in Richtung Außennachfrage erfordert zudem, den Blick auf zwei kritische Bereiche zu richten: Bildung und Investitionen.

Eine hochwertige Bildung ist entscheidend für die Schaffung neuer Arbeitsplätze für die Mittelschicht, während sich Amerikas Abkopplung von den globalen Lieferketten - insbesondere die seiner mittelständischen Unternehmen - durch Investitionen beheben lässt. Handelsunternehmen und Infrastruktur, wie sie kleinere, offenere Volkswirtschaften geschaffen haben, um Anschluss an die globalen Märkte zu finden, sind in den USA unterentwickelt. Dies kann durch Investitionen und eine gezielte Förderpolitik verbessert werden. Zudem würden die USA kurzfristig davon profitieren, wenn Barrieren für ins Land strömende ausländische Direktinvestitionen, insbesondere aus China, abgebaut werden.

Auf chinesischer Seite sind politische Rezepte nicht das Problem. Die chinesische Führung hat die Wichtigkeit der Entwicklung eines anderen Wachstumsmusters bereits erkannt und in ihnen zwölften Fünfjahresplan aufgenommen. Dessen erfolgreiche Umsetzung wird unterstützende Innovationsanreize, eine Vertiefung der Technologiebasis, höhere Investitionen in das Humankapital, die Entwicklung des Finanzsektors und die einheitliche Anwendung der Wettbewerbspolitik auf inländische, ausländische und staatseigene Unternehmen erfordern.

Angesichts der Bedürfnisse ist es relativ einfach, eine für beide Seiten nützliche Beziehung zu gewährleisten. China braucht nach wie vor Zugang zu den Märkten und Technologien hoch entwickelter Länder, doch sein Schwerpunkt verlagert sich auf eigene Kenntnisse, Fähigkeiten und Innovationen. Und die USA, die immer noch eine Innovationsmacht sind, können helfen, aber brauchen Zugang zum wachsenden chinesischen Markt und gleiche Bedingungen, um sich dort zu engagieren. Dasselbe gilt für die Entwicklung des Finanzsektors.

Im Kern ist die Beziehung simpel: Um zu wachsen, braucht China US-Innovationen, und die USA brauchen den chinesischen Markt. Wollen beide von einer Symbiose profitieren, gibt es keine Alternative zur Zusammenarbeit, zu substanziellen Investitionen und Reformen auf beiden Seiten des Pazifiks.

  • FTD.de, 01.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 01.05.2012 18:53:37 Uhr   khaproperty: Im Prinzip richtig.

    Aber: wer braucht keine Märkte, Kooperation und Innovation?
    Was hier allein für USA und China in Anspruch genommen wird, gilt für alle - bis hin etwa zum kleinen Liechtenstein, daß ohne Euro-Bindung besser zurecht kommt, als müßte es sich bei jedem Geschäft bei all den anderen um Genehmigungen der vielfältigsten Art anstellen, abgesehen vom Geldabfluß in die unzähligen Vernichtungseinrichtungen von EZB über EFSF und ESM bis hin zur angekündigten staatlichen Zwangsrefinanzierung all der unendlich vielen insolventen Kreditinstitue allein in der Währungsunion.

    Schiere Größe wird eines Tages eher ein Hindernis denn ein Vorteil sein, weil es Beweglichkeit, Innovation und Fortschritt behindert.
    Gut zu bobachten aktuell bereits in China, USA, Indien und auch Brasilien und vor allem der europäischen Mißgeburt mit der wandelnden Leiche Euro.

  • 01.05.2012 14:51:56 Uhr   Wicky: China braucht die US Innovationen?
  • 01.05.2012 14:25:03 Uhr   Gregor: Und die Europäer wollten gern...
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