Die überraschende Nominierung des Mediziners Jim Yong Kim als Kandidat für den Chefposten der Weltbank stößt unter Fachleuten auf Kritik. Einige Volkswirte fürchten, der US-Kandidat könne die Weltbank anstatt in Richtung Wachstum und Bekämpfung des Klimawandels hin zu traditionellerer Entwicklungsarbeit steuern.
Uri Dadush, Mitglied der Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace, sagte der Financial Times, Kim verfüge mit Managementerfahrung und "großer Leidenschaft für Entwicklungsarbeit" zwar über unerlässliche Qualifikationen. Doch stelle Wachstum die wichtigste Herausforderung für Entwicklungsländer dar. Das schließe Wirtschaftspolitik ein. "Das wird eine völlig fremde Welt für Dr. Kim sein", sagte der ehemalige hochrangige Weltbankmitarbeiter.
Arvind Subramanian vom Petterson Institute for International Economics sagte, Kim verfüge nur über sehr begrenzte Erfahrungen. "Sein Hintergrund im Gesundheitssektor wirft die Bank zurück auf ihre Konzentration auf arme Staaten und länderspezifische Programme." Dabei müsse sie sich um globale Probleme wie Wasserknappheit oder geringe landwirtschaftliche Produktivität kümmern.
Die USA hatten Kim am Freitag kurz vor Ablauf der Nominierungsfrist aufgestellt. Der 52-Jährige Arzt und Anthropologe leitete eine Zeit lang bei der Weltgesundheitsorganisation WHO den Bereich für die Bekämpfung von HIV/Aids. Derzeit ist er Präsident der US-Eliteuniversität Dartmouth.
Die Kür des gebürtigen Südkoreaners könnte Kritiker verstummen lassen, die beanstanden, dass die Weltbank immer von einem Amerikaner geführt wird. Derzeit hat Robert Zoellick den Posten inne. Seine Amtszeit endet im Sommer. Als Washingtons Kandidaten galten zuletzt etwa die US-Uno-Botschafterin Susan Rice und der ehemalige Präsidentenberater Lawrence Summers.
Gegenwind für Kim kommt auch aus den Schwellenländern. Rogério Studart, Weltbankexekutivdirektor für Brasilien, begrüßte seine Nominierung zwar als Abkehr Washingtons davon, immer einen Vertreter der Wall Street oder aus der Politik zu bestimmen. Entwicklungsländer stünden jedoch hinter qualifizierten Kandidaten aus ihren Regionen und verlangten, dass die Ernennung aufgrund von Leistung geschieht. "Es wird Konkurrenz geben, und es wird ein echter Wettstreit werden", sagte Studart. Er stellte den von der Dominikanischen Republik nominierten Kandidaten vor, Kolumbiens Ex-Finanzminister José Antonio Ocampo. Nigerias Finanzministerin Ngozi Okonjo-Iweala erhielt die Unterstützung afrikanischer Länder.
Kim verfügt zwar nicht über die große finanzpolitische Erfahrung Okonjo-Iwealas - die nigerianische Finanzministerin bestreitet bereits ihre zweite Amtszeit auf dem Posten und arbeitete zuvor als Geschäftsführerin der Weltbank. Auch fehlt ihm das ökonomische Wissen von Ocampo. Doch die USA und Europa kontrollieren etwa die Hälfte der Stimmen in der Weltbank. Damit ist sehr wahrscheinlich, dass Kim den Präsidentenposten erhält. Die Entscheidung soll bis Ende April fallen.
"Jim arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten daran, die Bedingungen in Entwicklungsländern auf der ganzen Welt zu verbessern", sagte US-Präsident Barack Obama. Der Ökonom Jeffrey Sachs, der sich um das Weltbank-Amt beworben und die Unterstützung einiger kleinerer Entwicklungsländer hatte, zog seine Bewerbung zurück und sprach sich für Kim aus.