In Indien hatten sich schon in den vergangenen Wochen die Anzeichen für einen Einbruch des Wachstums gemehrt. Angesichts der Rezession in den USA hatten viele Volkswirte und Politiker darauf gehofft, dass Asien die Rolle der Wachstumslokomotive der Welt übernehmen kann. Danach sieht es immer weniger aus. Indiens Arbeitsminister Oscar Fernandes teilte am Montag mit, der Exportsektor habe in den letzten Monaten bereits 65.000 Jobs abgebaut. Die Industrieproduktion fiel im Oktober zum ersten Mal seit 1994. Auch China steht vor einer dramatischen Wachstumsverlangsamung.
Chinas Industrieproduktion lag im November insgesamt nur noch 5,4 Prozent über dem Vorjahr, der schwächste Anstieg seit 1999. Im Oktober hatte die Produktion noch um 8,2 Prozent zugelegt. Bis vor wenigen Monaten kannte die Industrie lange Zeit nur zweistellige Zuwächse. So wichtige Indikatoren wie Stromerzeugung und Stahlproduktion lagen im November sogar noch unter dem Vorjahresniveau. Wegen der Armut auf dem Land und der Bevölkerungszunahme benötigt China ein kräftiges Wirtschaftswachstum, um seinen Standard mindestens zu halten. Die für westeuropäische Verhältnisse sehr hoch klingenden Raten kommen dort deshalb einer Rezession gleich.
"Wir rechnen nach den neuesten Zahlen für 2009 nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 6,5 Prozent", sagte nun China-Volkswirtin You-Na Park von der Commerzbank. Allein die schnelle Reaktion der Regierung mit großen Investitionsprogrammen könne Schlimmeres verhindern.
Die Ökonomen von Morgan Stanley rechnen - wie die Weltbank - für 2009 noch mit 7,5 Prozent. Selbst das wäre das schwächste Wachstum seit 19 Jahren. Nicht einmal in der Asienkrise Ende der 90er-Jahre lag die Rate so niedrig.
Die Regierung hat aber offenbar gelernt. Anders als damals reagiere die Führung diesmal schnell und in Form einer Kampagne, so die Morgan-Stanley-Experten: "Ganz offensichtlich wird die Regierung alles daransetzen, das Wachstum auf einem akzeptablen Niveau zu halten." In diesem Jahr werde die Regierung ihr Ziel von 4,5 Prozent Arbeitslosigkeit zum Jahresende noch erreichen, sagte Vize-Sozialminister Zhang Xiaojian. "Doch nächstes Jahr wird die Zahl mit Sicherheit steigen." Die Dunkelziffer ist ohnehin viel höher, da Wanderarbeiter in den Statistiken gar nicht erfasst sind.
Aus Exportstandorten wie der Provinz Guangdong sind Hunderttausende Migranten in ihre Heimatregionen zurückgekehrt, weil es für sie keine Arbeit mehr gab. Viele Fabriken schlossen oder fuhren den Betrieb auf ein Minimalmaß herunter. "Die Industrieproduktion könnte im Dezember noch einmal niedriger ausfallen, weil Fabriken zunehmend auf die schwache Weltnachfrage mit Produktionsstopps reagieren."
Und ein Ende ist noch nicht absehbar. "Der scharfe Einbruch bei Chinas Exporten hat gerade erst begonnen", schreiben die Ökonomen von Morgan Stanley. Die Ausfuhren Guangdongs, Chinas Provinz mit dem größten Außenhandelsvolumen, gingen im November laut Zolldaten um 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 53,35 Mrd. $ zurück, berichteten chinesische Medien. Nur die Ausfuhren nach Lateinamerika stiegen noch - um mehr als 20 Prozent. Auf Guangdong entfällt die Hälfte des gesamten Außenhandels im Land, sodass die Krise in der bisher auf arbeitsintensive Produktion setzenden Boomprovinz das ganze Land mit in die Tiefe reißt. Landesweit gingen die Exporte im November um 2,2 Prozent auf 114,9 Mrd. $ zurück.
Mit dem Einbruch der Rohstoffpreise und der Industrie kommen nun auch in China Deflationsängste auf. Die Rezession in den drei großen Wirtschaftsräumen USA, Euro-Zone und Japan hätte das Problem der Überkapazitäten der Industrie verschärft, schreibt Morgan Stanley. Das schränke die Preismacht deutlich ein. "Unter der Oberfläche braut sich ein gewaltiger Deflationssturm zusammen." Zuletzt lag die Teuerungsrate nur noch bei 2,4 Prozent, gegenüber acht Prozent Mitte 2008.