Es dürfte ein Treffen in frostiger Atmosphäre werden: Sechs Wochen vor dem Showdown um die US-Präsidentschaft werden John McCain und Barack Obama am Donnerstagabend deutscher Zeit über das 700 Mrd. $ schwere Rettungspaket für die US-Wirtschaft diskutieren. Zusammengerufen wurden sie von Präsident George W. Bush. Der stellte in der Nacht zum Donnerstag in einer Ansprache an die Nation fest: "Unsere gesamte Wirtschaft ist in Gefahr."
Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain hatte am Mittwoch angekündigt, wegen der Krise sogar seinen Wahlkampf auszusetzen. "Wir müssen als Amerikaner miteinander reden, nicht als Demokraten oder Republikaner", sagte der Senator. "Und wir müssen miteinander reden, bis die Krise gelöst ist." McCain zog seine Werbespots aus dem Fernsehen zurück, sagte Veranstaltungen mit Sponsoren ab und kehrte nach Washington zurück, um sich in die Verhandlungen über das Hilfspaket einzuschalten. Noch vor wenigen Tagen hatte McCain das Paket abgelehnt.
Vor allem aber forderte McCain seinen demokratischen Rivalen Obama auf, die für Freitagabend geplante Fernsehdiskussion aufzuschieben. Die Debatte wäre das erste Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten vor einem Millionenpublikum.
"Verantwortung oder Taktik?"
McCains Entscheidung könnte sich als kluger Schachzug erweisen. Der Republikaner präsentiert sich damit als Mann der Tat, der das Wohl des Landes über sein eigenes stellt. Bislang hatte von der Verschärfung der Finanzkrise vor allem Obama profitiert. Nachdem die Kandidaten lange Zeit nahezu gleichauf gelegen hatten, unterstützten in einer am Mittwoch veröffentlichten Befragung nun 53 Prozent Obama und 42 Prozent McCain. Eine Mehrheit sprach zudem Obama eine größere Kompetenz zu, die Finanzkrise zu meistern.
Doch seine Forderung nach einem Aufschub des Duells könnte McCain auch schaden So kommentiert etwa die auflagenstärkste US-Zeitung "USA-Today" auf ihrer Internetseite, die Unterbrechung des Wahlkampfs könnte ebenso staatsmännischer Verantwortung (statemanship) als auch Taktik (gamesmanship) entstammen. McCain hatte in der Vergangenheit bekannt, dass Wirtschaftsthemen nicht zu seinen Stärken gehörten. Das Lager der Demokraten interpretierte die Absage prompt als Beweis für eine Überforderung des 72-Jährigen. "Ich werde mich am Freitag der Debatte stellen", sagte Barack Obama. "Es wird zu den Aufgaben eines Präsidenten gehören, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun."
Ohnehin stößt die neugewonnene Bedeutung der Kandidaten nicht überall auf Gegenliebe. Der Vorsitzende des Finanzausschusses, der Demokrat Barney Frank verwies darauf, dass die Fachpolitiker seit Tagen mit Finanzminister Henry Paulson und US-Notenbankchef Ben Bernanke über die gewaltige Geldspritze diskutierten und einer Lösung nahe seien. "Wir werden morgen eine Verhandlungssitzung zwischen Demokraten und Republikanern über ein Gesetz haben, bei dem wir einer Lösung sehr nahe sind und uns zum Weißen Haus zu ihrer Foto-Gelegenheit begeben", sagte Frank mit Blick auf das Treffen der Kandidaten mit Bush sarkastisch. "Ich wünschte, sie hätten das mit uns abgesprochen."
Mit Agenturen