Die Vereinigten Staaten drohen in eine Rezession abzurutschen, sollten die Republikaner im Falle eines Wahlsiegs im November ihr wirtschaftspolitisches Programm durchsetzen. Davor hat US-Starökonom Robert Shiller im Gespräch mit der FTD gewarnt. "Die Wirtschaft dürfte bedeutend schrumpfen, sollten die Republikaner gleichzeitig die Staatsausgaben kürzen und Steuern senken", sagte er. Selbst wenn Präsident Barack Obama im Amt bleibe, befürchtet er, werde die Opposition wohl seine Konjunkturmaßnahmen und damit den Aufschwung ausbremsen.
Shiller gilt als ausgewiesener Experte der Finanzmärkte wie auch der Verhaltensökonomie. Der Yale-Professor scheut sich nicht, provokante Meinungen zu vertreten: Bereits zur Jahrtausendwende warnte er vor dem Crash am US-Aktienmarkt und vor dem Platzen der Immobilienblase. Am Montag erscheint in Deutschland sein neues Buch "Märkte für Menschen", in dem er zu einer Verbesserung des Finanzsystems zum Wohl der Gesellschaft aufruft.
Besonders von den wirtschaftspolitischen Vorstellungen von Paul Ryan, dem Vize des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney, hält Shiller wenig. Der frisch ernannte Stellvertreter hatte vor wenigen Wochen seinen radikalen Sparplan für den US-Haushalt vorgestellt, der massive Ausgabenkürzungen bei der staatlichen Gesundheitsversorgung vorsieht sowie deutliche Steuersenkungen für Unternehmen und Top-Verdiener. Ryans Vorstellung, damit das Haushaltsdefizit verringern zu können, stößt bei Shiller auf Ablehnung: "Das Ergebnis des Ryan-Plans wäre sicher eine massive Rezession", sagte der Ökonom. Eine erforderliche republikanische Mehrheit in beiden Kammern des US-Kongresses hält er jedoch für nur wenig wahrscheinlich.
Derzeit sieht der Finanzexperte Obama und Romney im Rennen um das Amt des Staatschefs gleichauf. Es könne jedoch gut sein, dass sich die heimische Wirtschaft in den Wochen vor den Wahlen noch verschlechtert - und zwar bedeutend genug, um Romney zum Favoriten zu machen, so Shiller. Eine Belastung stellt vor allem der Arbeitsmarkt dar, der am Freitag erneut enttäuschte: Die Privatwirtschaft schuf im August 103.000 neue Stellen - zu wenig um die Arbeitslosigkeit zu senken. Dass die Erwerbslosenquote dennoch von 8,3 auf 8,1 Prozent sank, lag vor allem daran, dass sich viele Arbeitslose nicht mehr jobsuchend meldeten und so aus der Statistik fielen.
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Die Befürchtung vieler Fachleute vor einem Anstieg der wirtschaftlichen Ungleichheit in den USA, sollten die Republikaner an die Macht kommen, teilt Shiller. "Dabei ist die wachsende wirtschaftliche Ungleichheit heute eines der größten Probleme der modernen Gesellschaft." Es sei beängstigend, dass viele Menschen mit der rasanten Entwicklung der Technologie, der wachsenden Weltbevölkerung und der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen in der Arbeitswelt nicht mehr gebraucht werden könnten. Er warnt davor, dass dieses Jahrzehnt deshalb von sozialen Unruhen und Konflikten geprägt sein könnte. Dieser Gedanke liege seinem neuen Buch zugrunde: "Wir müssen Finanzgrundsätze nutzen, um dieses Risiko zu bewältigen", sagte er.
Eigentlich sollte "Märkte für Menschen" nur ein Buch für seine Studenten werden. Seit einem Vierteljahrhundert lehrt Shiller über Finanzmärkte, zunächst sehr stark verbunden mit Mathematik. "Aber im Laufe der Jahre habe ich realisiert, dass ich die Menschen für die Wall Street oder andere Finanzzentren ausbilde, Tausende von ihnen", sagte der Professor. "So kam mir in den Sinn, dass dies mein Vermächtnis ist, diese Menschen. Also sollte ich über Moral sprechen." Die Feindseligkeit gegenüber dem Finanzwesen sei schon Hunderte Jahre alt: Sie gelte es zu überwinden - im Sinne des Gemeinwohls.
Laut Shiller seien Finanzinnovationen wichtig, weil sie Anreize setzen und Risiken streuen würden. "Das ist eigentlich ziemlich klasse", so der Ökonom. Seinen Studenten oder anderen jungen von der Occupy-Wall-Street-Bewegung inspirierten Menschen empfiehlt er: "Studiere Finanzen und geh‘ hinaus und mach‘ Gutes damit." Denn nur Kenner der Materie könnten hilfreiche Innovationen hervorbringen, für Außenseiter sei es hingegen "schwer, Neuerungen zu schaffen, weil sie das System nicht verstehen". Dabei sei jedoch auch klar: "Ein Problem ist, dass jemand aus der Finanzbranche eine enorme Gehaltskürzung hinnehmen muss, wenn er in den öffentlichen Dienst geht."