Warnung vor höheren Strompreisen:Energieagentur fürchtet Atomausstieg
Exklusiv
IEA-Direktor Tanaka warnt im Gespräch mit der FTD vor einem deutschen Alleingang. Er sieht die Versorgungssicherheit gefährdet und fordert Absprachen in der EU.
von Peter EhrlichParis
Die Internationale Energieagentur (IEA) hat Deutschland vor einem Alleingang beim Atomausstieg gewarnt. Im Interesse der Region sollte Deutschland eine gemeinschaftliche Entscheidung in der EU anstreben, sagte der Chef der Agentur, Nobuo Tanaka, der FTD. "Sonst werden Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit in ganz Europa geopfert", meinte Tanaka. Deutschlands Politik betreffe angesichts des Energie-Binnenmarktes ganz Europa. "Es geht nicht um ein deutsches, es geht um ein europäisches Problem." Deutschlands Versorgungssicherheit selbst werde sinken, weil das Land zunächst mehr Elektrizität und später mehr Gas oder Kohle als geplant importieren müsse. "Die Abhängigkeit von anderen Ressourcen wird zunehmen."
Nobuo Tanaka, Direktor der internationalen Energieagentur (IEA)
Tanakas Äußerungen spiegeln die internationalen Bedenken angesichts der Ausstiegsdiskussion in Deutschland wider. Die Agentur mit Sitz in Paris kümmert sich im Auftrag der Industriestaaten um die Versorgungssicherheit und die weltweiten Perspektiven aller Energiearten. Nach der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima rechnet die IEA allerdings nicht nur wegen des deutschen Verhaltens damit, dass die Bedeutung der Kernkraft für die Stromversorgung abnimmt. Tanaka sagte, man werde in die Projektionen seiner Organisation ein Szenario aufnehmen, in dem der Anteil der Kernkraft an der weltweiten Stromproduktion des Jahres 2035 statt 14 Prozent nur zehn Prozent betragen werde. 2008 lag der Anteil bei 13,5 Prozent. Dieses Szenario biete weniger weltweite Versorgungssicherheit und sei teurer für die Verbraucher, weil dann mehr Strom aus Gas und aus erneuerbaren Energien erzeugt werden müsse, so Tanaka.
Der aus Japan stammende Exekutivdirektor räumte allerdings ein, dass auch mit den für das alte Szenario nötigen neuen Atomkraftwerken der Strom teurer werde. Nach dem Zwischenfall in Fukushima sei es unvermeidlich, dass die Sicherheitsstandards erhöht würden. "Kernkraftwerke könnten teurer werden." Aus Sicht seiner Organisation sei die Kernkraft weiterhin eine Option auf dem Weg zu einer möglichst kohlenstoffarmen Stromproduktion. Dafür sei allerdings Akzeptanz in der Bevölkerung nötig. Es sei daher sinnvoll, sich auf internationale Standards zu einigen, wie sie die wichtigsten Industrieländer Ende der Woche beim G8-Gipfel im französischen Deauville besprechen wollen. "Es wäre gut, wenn Stresstests oder Standards so hart sind, dass sie die Konsumenten überzeugen."
Tanaka stimmte die Welt auf dauerhaft höhere Energiepreise ein: "Die Kosten für Strom werden steigen." Erneuerbare Energien trügen dazu ebenso bei wie die Vermeidung von CO2-Emissionen bei der Nutzung von Kohle und Gas durch Abscheidung und Speicherung (CCS). Ein Szenario, bei dem bis 2035 rund 70 Prozent der Weltstromproduktion aus Erneuerbaren komme, mache Strom um 20 Prozent teurer als ein Szenario mit hohem Atomanteil. "Das ist machbar, aber es kostet.
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