Den Sheriff gibt James Beicker ziemlich gut. Ein Menschenführer mit beruhigender Ausstrahlung und coolem Lächeln. Noch cooler ist seine Art, Passanten durch die Scheibe seines Ford zu grüßen. Die schlanken Finger der linken Hand heben sich ein wenig, nur der Daumen ruht noch auf dem Lenkrad. Lächeln, Finger wieder runter. Sheriff Beicker grüßt jeden hier im Bezirk Fremont im Südosten Colorados. Einem gottverlassenen Ort am Fuß der Rocky Mountains, in der letzten Ecke der Prärie.
Beickers rechte Hand hält das Funkmikrofon umklammert. Zwar passiert hier so gut wie nie was, aber man kann ja nie wissen. Immerhin ist Cañon City die Welthauptstadt des Gefängniswesens. Nirgendwo sonst auf der Welt konzentriert sich die ganze Härte eines Staates so sehr wie hier. 13 Strafanstalten zählt der Bezirk, von 36.000 Einwohnern sind 16 Prozent Gefangene. Wer hier nicht im Knast lebt, der lebt vom Knast. Die Menschen haben einen Namen dafür: Sie nennen es "das System".
Das System prägt die gesamte Stadt. Es gibt miese Löhne für die miese Arbeit im Vollzug. Es gibt ein paar Geschäfte, in denen man die miesen Löhne ausgeben kann, Motels für die Angehörigen der Häftlinge, Tankstellen, Pfandleiher, mäßige Restaurants, noch mehr Motels, alles kreist um die Gefängnisse. 30 Prozent der Beschäftigten arbeiten direkt im Strafvollzug, jeder hat Freunde und Verwandte im Gefängniswesen. Ein gigantischer Familienbetrieb. "Cañon City ist die saubere Version der Hölle", lesen wir vor der Anreise in einer Zeitschrift.
Wenn Fremont die Hölle ist, könnte Sheriff Beickers Auto das Fegefeuer sein. Wir sitzen unbequem und eingezwängt in der vergitterten Fahrgastzelle, der Kofferraum ist voller Waffen, Ablagefächer bergen Suchscheinwerfer, Ortungsgeräte, Kabel. Wer hier hockt, weiß, dass sein Schicksal nun in fremden Händen liegt, auch wenn es in diesem Fall recht feingliedrige sind und keine brutalen Pranken. Statt James sollen wir ihn lieber Jim nennen, sagt Beicker und lächelt. "Das klingt mehr nach Sheriff, oder?"
Jim redet und redet. Er hat diesen schleppenden, nasalen Kleinstadtakzent, mit Typen wie ihm besetzt Hollywood gern die zweite Hauptrolle. Er spricht ohne Pause und Schnörkel, wie alle hier. Und wie alle hier empfängt er uns mit Misstrauen. "Was wollt ihr zwei Franzmänner in diesem Loch?", lesen wir in seinem Lächeln, während er sich für die harte Sitzbank entschuldigt, für das Gitter und die 128.000 Kilometer, die der Ford auf dem Buckel hat.
"Gastfreundschaft ist unser Geschäft" steht auf der Visitenkarte unseres Motels. Es könnte das zynische Motto der ganzen Region sein. "Wenn es die Gefängnisse nicht gäbe, gäbe es hier nichts und niemanden", sagt die Ehefrau eines Gefangenen, die wir hier eines Abends treffen. Wenn sie ihren Mann besucht, sagt sie, lässt sie in Cañon City nur das Geld für Benzin und Hotelzimmer: "Ich kaufe nicht in ihren Geschäften und esse nicht in ihren Restaurants. Die Leute hier sind ein bisschen schäbig."
Dass die Stadt von einer einzigen Industrie lebt, würde sie gern vergessen machen. Im Herzen von Cañon City steht ein altes Schild mit kleinen Glühbirnen, die die "wunderschöne Lage" preisen, das "großartige Klima", die "herrlichen Berge" und die "majestätische Schlucht". Auffälliger als Berge und Schlucht ist indes der Kran, der im Osten aus dem Boden ragt, über der Baustelle des neuen Hochsicherheitsgefängnisses Colorado State Penitentiary II. Die Zellengitter werden "geschmiedet und montiert von Häftlingen", sagt Jim. Der Kunde als Hersteller.
"Im 19. Jahrhundert hatte der Bezirk die Wahl: entweder das Universitätszentrum von Colorado zu werden oder der größte Gefängnisstandort", erklärt der Sheriff. Die Bewohner des Prison Valley, wie man die Region auch nennt, sind stolz auf ihre Wahl - von jeher. Eine Selbstdarstellung aus dem Jahr 1870, die im Stadtmuseum ausgestellt wird, rühmt neben dem Schuhgeschäft, den zwei Schmieden und der ausgezeichneten Mühle das Territorial Prison, "ein Bauwerk bester Konstruktionsart, das mehr als 36.000 Dollar gekostet hat".
Noch heute wird die alte Strafanstalt genutzt, in deren Todestrakt Richard Brooks 1967 seinen Film "Kaltblütig" gedreht hat. Die Wahl traf der Autor der Romanvorlage, Truman Capote. Die Stadt weiß ihre Gitter zu nutzen. "Eine Rezession trifft uns nicht," sagt der Bezirksabgeordnete Ed Norden. "Man entlässt wegen einer Wirtschaftskrise ja keine Häftlinge."
Jim Beicker stoppt seinen Ford vor dem Supermax. Ein Megaknast, zur Hälfte unterirdisch, der auch schon im Gespräch war als Auffangbecken für die Häftlinge von Guantánamo. In den 90er-Jahren stellte Cañon City dem Bundesjustizministerium Land zu Verfügung, um dieses "Alcatraz der Rockies" zu errichten. Wer hier einsitzt, lebt in Isolationshaft, ohne Besuche und Anrufe, mit einer Stunde Hofgang, während er den Himmel sehen kann, aber nichts von der Umgebung - die Orientierungslosigkeit soll Fluchtgedanken ersticken.
Beicker schiebt sich die Ray Ban vor die Augen und betet die Namen der berühmtesten Insassen herunter. Zacarias Moussaoui, verurteilt im Zusammenhang mit den Anschlägen des 11. September. Terry Nichols, der 1995 beim Bombenattentat von Oklahoma 168 Menschen tötete. Der "Unabomber" Theodore Kaczynski, dessen Paketbomben drei Menschen zum Opfer fielen. Und der "Schuhbomber" Richard Reid, verurteilt zu 120 Jahren Gefängnis, weil er an seinen Füßen Sprengsätze an Bord einer American-Airlines-Maschine schmuggelte.
Das Supermax liegt einen guten Kilometer abseits der letzten asphaltierten Straße. "Wissen Sie, die Leute haben Angst vor Ausbrüchen. Aber die Gefängnisse sind Teil unseres Lebens", sagt Sheriff Beicker. "Die Insassen haben Steine für die Gebäude in der Innenstadt gemeißelt. Andere Sheriffs fragen mich: ‚Wie ist das, die Gefängnisse die ganze Zeit um sich zu haben?‘ Ich sage ihnen: ,Wir sehen die irgendwann gar nicht mehr.‘ Punkt." Das Funkgerät knistert, wir müssen wieder los.
Jim Beicker nimmt uns mit auf die Anhöhen von Cañon City, auf den ältesten Friedhof der Stadt. Er geht von Grab zu Grab, mit seinen Fingern streicht er über ein Kreuz. "Hier liegen die Gefangenen ohne Angehörige", sagt er. Woodpecker Hill heißt dieser Ort bei den Gefangenen: "Das kommt von Woodpecker Waltz - so nennen sie den letzten Gang der Todeskandidaten." Zum ersten Mal heute verstummt er. Früher stand hier eine Gaskammer, in der Zuschauer durch große Fenster die Hinrichtungen beobachten konnten. Heute steht sie am Gefängnismuseum. Neben den Picknicktischen.
In der Ferne geht die Sonne unter. Endlich: Die Fenster im Fond des Ford lassen sich nicht öffnen, es sind gut 40 Grad da drin. Jim legt einen letzten Stopp ein. Er will uns noch sein "Baby" zeigen, das Fremont County Detention Center an der Justice Road. Vorher müssen wir alles wegstecken, was Begehrlichkeiten wecken könnte - Börse, Papiere, Handy. Das Detention Center ist das Gefängnis des Sheriffs, eine Art Knastvorzimmer für den ganzen Bezirk. Ob betrunkener Autofahrer oder Mörder, kleiner Kiffer oder großer Einbrecher, die meisten landen erst einmal hier. 145 Männer, 18 Frauen sind es gerade.
Beickers Hingabe an sein "Baby" hat etwas Irreales. Und es besteht kein Zweifel: Hier ist Jim der Boss. Als er uns aufschließt, ziehen seine Männer sich zurück wie Zirkusschergen, die den Dompteur mit dem Löwen allein lassen. Es ist die Stunde, in der ein Gefängnis zum Leben erwacht: die Stunde, in der die Rollwagen durch die Gänge rumpeln, und gegen die Türen gedonnert wird. Die Stunde des Essens. "Das Essen ist der Schlüssel", sagt Beicker. "Wenn Sie Mist auftischen, frustrieren Sie die Leute, und die Zwischenfälle häufen sich."
"Ich hab dich gesehen, Matthew. Leg das Brot zurück!", tönt es aus einem Lautsprecher. Überall sehen wir Farben, jede steht für ein Leben. Grüne Uniformen für die Schwerverbrecher. Rote für die mit den mittelschweren Vergehen. Gestreifte für Bagatelldelikte. Der Sheriff setzt sich zwischen die Häftlinge im Speisesaal und scherzt mit denen, die er eingesperrt hat. Deren kaputte Existenzen die Stadt am Leben halten. Er scherzt auch nebenan mit den gefangenen Frauen: "Tja, hättet ihr halt nicht im Knast landen sollen, Mädels." Sie lachen aus vollem Leib, Beicker winkt ihnen zum Abschied. "Es gefällt mir nicht, all diese Leute im Gefängnis zu sehen", sagt er uns. "Dass sie hier sind, liegt an der Geschichte Amerikas. Es ist ein kulturelles Problem."
Wir sagen Danke und gehen ein Sandwich essen im Café Good Thyme, 500 Meter von der Gaskammer entfernt. Der Betreiber erzählt uns, das er auch einmal Wärter war. Bis er nicht mehr konnte, weil er auch daheim nur noch wie ein Wärter redete und dachte. Zwei Kunden kommen rein, Ex-Kollegen in Uniform. Das Geschäft geht weiter.
In ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm "Prison Valley" erkunden Philippe Brault und unser Autor David Dufresne, wie das US-Gefängniswesen eine ganze Region ernährt. Die Onlineversion: